Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vierkanthöfe in Oberösterreich: "Diese Häuser hat der Most gebaut"

08.08.2012
Wie kleine Burgen thronen die Vierkanthöfe auf den Hügeln des Mostviertels und prägen die Kulturlandschaft der Region. In einer umfassenden EU-Studie hat ein Forscherteam vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien zusammen mit Studierenden alle 207 Vierkanter der Region Haag wissenschaftlich erfasst.

So alt sind die rund 10.000 Vierkanthöfe Oberösterreichs und die 3.000 in Niederösterreich noch gar nicht, obwohl sie heute aus der Landschaft nicht mehr wegzudenken sind. Entstanden sind die meisten von ihnen vor rund 150 Jahren, zu einer Zeit, als sich Wohlstand in der Mostregion ausbreitete.


Bürgerhäuser und Stifte dienten als Vorbild für die Vierkanter. Foto: Johann Illich-Edlinger

"In der damaligen Zeit stellte der Vierkanthof die ideale Bewirtschaftungsform dar. Der geschützte und von allen vier Seiten umgebene Hofbereich, der angrenzende Stall, Schuppen sowie der Wohnbereich ergeben ein geschlossenes und durchaus ökonomisches Ganzes", erklärt Martin Heintel vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, der gemeinsam mit Norbert Weixlbaumer und Werner Dietl sowie Studierenden die umfassende EU-Studie durchführte.

100 Jahre Blütezeit: Vom Bau der Kaiserin-Elisabeth-Bahn bis zur Agrarreform
Wesentlicher Grund für den beginnenden Wohlstand war die Fertigstellung der Kaiserin-Elisabeth-Bahn – heute Westbahn –1858 von Wien bis Linz und ab 1860 auch durchgehend bis Salzburg. Dadurch konnten die Bauersleute des Mostviertels ihre Ernteprodukte auch auf den Märkten in Wien, Linz und Salzburg feilbieten und so ihre Einnahmen aufbessern.

Die neue Bahnverbindung brachte auch Arbeiter und Migranten in die prosperierende Region, die dort mit offenen Armen empfangen wurden, da Arbeitskräfte für Ernte, Transport und Bauarbeiten gebraucht wurden. Die Vierkanthöfe wurden zum Zeichen des Wohlstandes. In Anlehnung an städtische Bürgerhäuser sowie an Stifte – z.B. St. Florian – wurde die vormalige "Haufensiedlung", also einzelne Gebäude mit unterschiedlicher Nutzung, zu einem einzigen großen, fast "wehrhaft" anmutenden Bau umgestaltet.

Mit Beginn der Agrarrevolution in den 1950er Jahren begann der langsame Abstieg. "Landwirtschaftliche Maschinen wurden größer, sie passten nicht mehr in die Hofeinfahrt. Es kam zu großen strukturellen Veränderungen mit höherer Produktion und besserer Infrastruktur. Der geschlossene Vierkanthof passte nicht mehr optimal", so der Regionalforscher Martin Heintel.

Vier Nutzungsprofile in Haag
In ihrer von der EU geförderten Pilotstudie zum Status Quo der Vierkanthöfe in der Region Haag dokumentierten die Geographen Heintel, Weixlbaumer und Dietl alle 207 Höfe. Vier wesentliche Nutzungsprofile konnten sie dabei identifizieren: verlassene, beharrende, spezialisierte sowie umgewidmete Vierkanthöfe. "Verlassene Höfe machen dabei nur einen kleinen Teil aus", betont Norbert Weixlbaumer: "Die meisten Landwirte haben sich spezialisiert, viele Höfe wurden auch umgebaut und einer anderen Nutzung zugeführt, z.B. werden sie als Büros oder Herbergen genutzt." In den sogenannten beharrenden Vierkantern leben ältere Leute, die versuchen das Bestehende zu retten und zu erhalten. "Das ist oft nicht so einfach, da ein Vierkanthof immer eine Baustelle ist", so ein Landwirt aus der Region.
Am erfolgreichsten: Spezialisierung und Umbau
Die "erfolgreichsten" BesitzerInnen von Vierkanthöfen haben sich in der Landwirtschaft spezialisiert und so eine Nische für sich gefunden, sei es im Biolandbau, in der Umstrukturierung zu Großbetrieben oder in der Intensivierung von Mostanbau, der in manchen Regionen durchaus noch eine Rolle spielt. Drei Betriebe erzeugen heute Schnaps in großem Stil. Auch eine Nutzung abseits der Landwirtschaft – z.B. Pensionen, Ferienwohnungen, Büros, etc. – hat sich bewährt.

Die Ergebnisse wurden auch als Buch "vierkanter haag. entwicklungsperspektiven eines regionalen kulturgutes" veröffentlicht. Diese ist jedoch aufgrund der großen Nachfrage bereits vergriffen. Die Studie wurde finanziell unterstützt von Bund, Land, Europäischer Union, LEADER Region Tourismusverband Moststraße, Stadtgemeinde Haag und der Universität Wien. Im Benediktinerstift Seitenstetten läuft noch bis 4. November 2012 die Sonderausstellung "Leben im Vierkanthof – wo Bauern und Mönche beten und arbeiten!"

Wissenschaftlicher Kontakt
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Heintel
Institut für Geographie und Regionalforschung
Universität Wien
1010 Wien, Universitätsstraße 7
T +43-1-4277-486 22
martin.heintel@univie.ac.at
http://humangeo.univie.ac.at/team/martin-heintel/
Rückfragehinweis
Mag.a Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
A-1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at

Alexandra Frey | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at
http://humangeo.univie.ac.at/team/martin-heintel/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Doppelhaus mal anders - Elegantes Glas-Ensemble am Hang
02.05.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Bauübergabe der ALMA-Residencia
26.04.2017 | Max-Planck-Institut für Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften