Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stil als menschliches Bedürfnis

16.06.2010
Wirtschaftswissenschaftler der TU Chemnitz zeigen, dass es beim Stilgefühl bei Immobilien und im Städtebau einen einheitlichen Geschmack gibt - und dass Ästhetik bares Geld wert ist

"Bisher gab es einen fast Jahrhunderte andauernden Überhang der Nachfrage nach Wohnraum über das Angebot, so dass es möglich war, fast jeglichen Wohnraum zu vermarkten. Das wird sich aufgrund der zu erwartenden demographischen Entwicklung mit sinkenden Bevölkerungszahlen ändern", sagt Prof. Dr. Friedrich Thießen, Inhaber der Professur Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der TU Chemnitz, und ergänzt: "Ein zu erwartender Angebotsüberhang ermöglicht es den Nachfragern von Wohnraum, wählerischer zu werden."

Gemeinsam mit TU-Promovend Nikolai Alexander Mader hat er sich in einer Studie zum Thema "Zur monetären Bedeutung der Ästhetik von Immobilien und der Ästhetik im Städtebau" mit dem Wert von Stil beschäftigt. Zentrales Ergebnis: "Es existiert ein Bedürfnis nach Stil, das prinzipiell unabhängig von Einkommen, Alter, Bildungsgrad oder Geschlecht ist. Dieses Bedürfnis ist offenbar einfach menschlich", fassen Mader und Thießen zusammen.

100 Personen haben in einem umfangreichen Fragebogen Urteile über Gestaltungsmöglichkeiten von Immobilien abgegeben. Dabei unterschieden die Wissenschaftler zwischen den Kategorien "im Gebäude", wozu etwa Innenansichten von Türen und Fenstern zählen, "am Gebäude", beispielsweise Dächer und Fassaden, sowie "im Gebäudekontext", worunter unter anderem die Homogenität der Bebauung fällt. Ist ein Dach mit Erker beliebter als eines ohne? Kommt eine verschnörkelte Fassade besser an als eine schlichte? Haben sanierungsbedürftige Gebäude Einfluss auf den Wert der Immobilien in der unmittelbaren Umgebung? Und vor allem: Wie sehr sind die Menschen bereit, für eine Immobilie, die ihnen besser gefällt, auch mehr Geld auszugeben?

Eintönige Flächen sollten vermieden werden, so ein Ergebnis der Wissenschaftler. Flachdächer lehnten die Probanden ab; aufgelockerte, durch architektonische Elemente belebte Dachflächen bevorzugten sie. Auch bei der Fassadengestaltung kamen ungestaltete Flächen nicht gut an, für stilvolle Fassaden waren die Befragten in hohem Maße bereit, Geld auszugeben - und das, obwohl die Fassadengestaltung keine Funktion außer dem optischen Gefallen hat. Insgesamt konnten die Wirtschaftswissenschaftler feststellen, dass es zwar bei den bevorzugten Gestaltungsformen unterschiedliche Geschmäcker gibt. "Diese sind aber erstaunlich gering ausgeprägt", sagt Mader. "Das würde es der Bauindustrie ermöglichen - wenn sie das Stilbedürfnis der Menschen aufgriffen -, standardisierte Lösungen zu erarbeiten", so sein Hinweis. Besonders einig waren sich die Studienteilnehmer bei Fragen rund um den Gebäudekontext - also etwa die Homogenität der Bebauung eines Straßenzuges: Zwischen Altbauten wollten sie keine moderne Architektur sehen, vor allem die Größe der aus dem Rahmen fallenden Gebäude spielt offenbar eine wichtige Rolle: Je größer und massiger, desto mehr lehnten die Probanden die Gestaltung ab. "Baulücken sollten nicht solitär, sondern kontextbezogen gefüllt werden. Der Wunsch von Bauherren, sich zu verwirklichen und Solitäre, also vom Kontext abweichende Gebäude zu errichten, um aufzufallen, mindert den Wert der übrigen Immobilien des Ensembles", fasst Thießen zusammen.

Das Bedürfnis nach Stil schlägt sich auch in Zahlungsbereitschaft nieder, die mit Einkommen und Bildungsgrad zu- und mit dem Alter abnimmt, erkennt die Studie. Menschen unterscheiden sich also weniger in ihrem Bedürfnis nach Stil, als in ihren Möglichkeiten oder ihrer Bereitschaft, für Stil zu bezahlen. "Bauherren müssen sich des Einflusses von Stil auf den Immobilienwert bewusst werden und in stilistischer Hinsicht angemessene Lösungen beauftragen, auch wenn diese zunächst etwas mehr kosten", so Mader. Architekten müssten mehr Sicherheit in Stilfragen bekommen und Universitäten häufiger Stilkunde unterrichten. "Das Ideal des Architekten darf nicht der Bau als Einzeldenkmal sein, sondern die Herstellung einer Harmonie mit dem Bestehenden. Dabei darf aber keine Langeweile entstehen. Menschen wollen Abwechslung. Die Kunst liegt darin, Homogenität im Großen zu schaffen und im Kleinen gleichzeitig ausreichend zu variieren", sagt Thießen.

Ein ausführlicher Bericht über die Studie erscheint in der Zeitschrift „Immobilien und Finanzierung“ des Fritz Knapp Verlages, Frankfurt.

Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Friedrich Thießen, Telefon 0371 531-26190, E-Mail finance@wirtschaft.tu-chemnitz.de

Katharina Thehos | Technische Universität Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de

Weitere Berichte zu: Bebauung Fassade Fassadengestaltung Homogenität Wohnraum Ästhetik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Modernes, ökologisches Familienhaus für Naturverbundene
03.08.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Die Stadt wird zur Bühne und Häuser zu Leinwänden
03.08.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie