Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seegras im Dachstuhl

01.03.2013
Angeschwemmtes Seegras ist für viele Küstenbewohner eine Plage. Doch der Rohstoff eignet sich sehr gut zum Dämmen von Gebäuden. Gemeinsam mit Industriepartnern ist es Forschern gelungen, die schadstofffreien Fasern zu Dämmwolle zu verarbeiten.

Im Herbst, Winter und Frühling prägen sie das Bild der Mittelmeerstrände – Seegraskugeln der Pflanze Posidonia oceanica, die auch als Neptunbälle bekannt sind. Das Naturmaterial gilt als Abfallprodukt und wird in der Regel auf Deponien entsorgt. Dabei ist der in großen Mengen vorkommende nachwachsende Rohstoff viel zu wertvoll, um auf der Müllkippe zu landen.


Seegraskugeln lassen sich ohne chemische Zusätze als Dämmwerkstoff nutzen. © Fraunhofer ICT

Er zeichnet sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, die ihn für das Baugewerbe interessant machen: Seegrasfasern sind schwer entflammbar, schimmelresistent und lassen sich ohne chemische Zusätze als Dämmwerkstoff nutzen – etwa zur Zwischensparrendämmung in Steildächern, zum Isolieren von Innenwänden oder um Wärmeverluste an der Gebäudehülle zu verringern. Die Fasern nehmen Wasserdampf auf, puffern ihn und geben ihn wieder ab, ohne dass die Wärmedämmfähigkeit beeinträchtigt wird. Da Neptunbälle lediglich einen Salzgehalt von 0,5 bis 2 Prozent haben, verrottet der Dämmstoff nicht.

Doch wie lässt sich das Seegras zu Baumaterial verarbeiten? Eine schwierige Aufgabe, schließlich müssen die Neptunbälle vom anhaftenden Sand befreit werden. Hinzu kommt, dass sich die einzelnen Fasern leicht verhaken und sich sowohl beim Aufbereitungs- als auch beim späteren Einblasprozess schnell neue Agglomerate bilden. Geeignete Verfahren, um aus den Neptunbällen Dämmwolle zu produzieren, hat das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal in Kooperation mit den Industriepartnern NeptuTherm e.K., X-Floc Dämmtechnik-Maschinen GmbH, Fiber Engineering GmbH und RMC GmbH entwickelt.
Ziel der Projektpartner war es, ein stopf- und einblasfähiges Material herzustellen. »Um möglichst lange, sandfreie Fasern zu erhalten, erwies sich das Abrütteln des Sandes als beste Lösung«, sagt Dr. Gudrun Gräbe, Wissenschaftlerin am ICT. Durch einen schonenden Aufschluss der Agglomerate konnten die Ingenieurin und ihr Team die Fasergewinnung optimieren. Nach dem Abrütteln des Sandes gleiten die Neptunbälle über ein Laufband in die Schneidmühlen und fallen dann unbeschädigt als 1,5 bis 2 Zentimeter lange Fasern in Plastiksäcke.

Posidonia-Faser kühlt bei Hitze

Der so produzierte lose Dämmstoff besitzt eine hohe Wärmespeicherkapazität. Der ermittelte Wert von 2,502 Joule pro Kilogramm Kelvin (J/kgK) liegt etwa 20 Prozent höher als bei Holz und Holzwerkstoffen, wie eine Studie vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Holzkirchen ergab. An heißen Tagen hält er das Gebäude daher kühl und schützt vor Hitze. Auch in der Wärmedämmwirkung überzeugen die Posidoniafasern. »Das Material wird mit der Dichte eingebaut, bei der es nicht zusammensackt. Die notwendige Einbaudichte hat die Materialprüfanstalt MPA in Dortmund ermittelt«, so Gräbe.

Nach Angaben des ECO-Instituts in Köln ist das Seegras zu 100 Prozent biologisch und enthält keinerlei Fremd- oder Schadstoffe. Es eignet sich daher auch für Allergiker. Die Neptunbälle zeichnen sich darüber hinaus durch ihre günstige Ökobilanz aus, die die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen vom ICT erstellt haben. Für den kompletten Herstellungsprozess inklusive Transport wird sehr wenig Energie benötigt. Die Neptunbälle werden von Hand gesammelt und aus Tunesien per Schiff, aus Albanien per Lkw nach Deutschland geliefert.

Stopfen oder einblasen

Das Einfüllen der Dämmung selbst ist unproblematisch. In der Regel wird das von Fachbetrieben durchgeführt, man kann es aber auch in Eigenregie übernehmen. Der Faserstoff wird in die Hohlräume von Dächern, Wänden und Decken geschüttet und anschließend von Hand gestopft. Bei schlecht zugänglichen Hohlräumen empfiehlt sich jedoch das Einblasen. Hier sorgt eine spezielle, ebenfalls im Projekt konstruierte Einblasmaschine dafür, dass selbst die hintersten Ecken und Winkel gefüllt werden.

Der Dämmstoff aus dem Meer wird von der Firma NeptuTherm e.K. unter diesem Namen bereits vermarktet und vertrieben. In einer Reihe von Neubauprojekten und Altbausanierungen haben sich die Posidonia-Fasern schon bewährt. Geplant ist, eine feste, ökologisch einwandfreie Platte zu entwickeln, um komplette Systeme für die Dach-, Fassaden-, Innen- und Kellerdeckendämmung aus dem Fasermaterial anbieten zu können. In Tests konnten die Forscher vom ICT die Machbarkeit solcher Matten zeigen.

Dr.-Ing.GudrunGräbe | Fraunhofer Forschung Kompakt
Weitere Informationen:
http://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2013/Maerz/seegras-im-dachstuhl.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Die Brücke, die sich dehnen kann
20.02.2018 | Technische Universität Wien

nachricht Zustandsmatrix zur Beurteilung des Gefahrenpotentials von Gebäuden
20.02.2018 | HIS-Institut für Hochschulentwicklung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kameratechnologie in Fahrzeugen: Bilddaten latenzarm komprimiert

21.02.2018 | Messenachrichten

Mit grüner Chemie gegen Malaria

21.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Periimplantitis: BMBF fördert zahnärztliches Verbund-Projekt mit 1,1 Millionen Euro

21.02.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics