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Produktive Parklandschaften für die kommunale Energiewende

17.11.2014

Ideen für eine nachhaltige Standortentwicklung im Ruhrgebiet – IAT-Veranstaltung präsentierte Ergebnisse des Projektes CultNature

Brachflächen kultivieren, auf ihnen Energie gewinnen und attraktive Stadträume daraus machen – dieses Konzept punktet bei Stadtplanern, Energie- wie auch Umweltexperten – und macht sich jetzt auf den Weg in die Praxis. Unter dem Titel „Stadt macht Standorte“ präsentierte das Institut Arbeit und Technik (IAT / Westfälische Hochschule) am Donnerstag (13.11.) im Industriemuseum Oberhausen Ergebnisse des Projektes CultNature, das, gefördert vom Land NRW, in Zusammenarbeit mit der RAG-Montan-Immobilien, "NRW.Urban" und Kipar Landschaftsarchitekten zur nachhaltigen Stadt- und Regionalentwicklung in nordrhein-westfälischen Bergbaurückzugsgebieten durchgeführt wird.

Dabei geht es darum, die vielen Industriebrachen, die die gegenwärtigen Industrieregionen (wie beispielsweise das Ruhrgebiet) zu einer gestörten Landschaft machen, zu Parklandschaften zu entwickeln, die energiewirtschaftlich genutzt und trotzdem im Sinne der Stadtentwicklung hochwertige Flächen darstellen. Im Rahmen des Projektes werden Konzepte und Modellprojekte erarbeitet, die von Städten und anderen Akteuren für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Standorte genutzt werden können.

Altlasten aus 160 Jahren Industriegeschichte

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin hob in seinem Eröffnungsvortrag hervor, dass die Bewältigung der Altlasten aus 160 Jahren Industriegeschichte „immer noch eine gigantisch große Aufgabe“ sei, die allein mit Technik und Finanzen nicht in den Griff zu kriegen ist. 12 600 Hektar Bergbaubetriebsflächen und weitere 2 500 Hektar auf ehemaligen Gleisanlagen im Ruhrgebiet hat die Flächenerhebung des IAT ergeben. Die Revitalisierung dieser Brachen ist langwierig und teuer, dauert Jahrzehnte. Das Projekt CultNature, das jetzt den Praxistest startet, trage dazu bei, Zeit zu gewinnen und eine neue Dynamik in die Flächenentwicklung zu bringen, so der Minister. Angesichts der Dimension dieser Aufgabe könne man nicht allein auf Hilfe von außen warten. Das Land stehe bereit, hier zu fördern und begrenzte Mittel effizient einzusetzen. Aber auch Städte und Kreise seien gefordert, die interkommunale Entwicklung anzustoßen und sich auf Prioritäten in der Standortentwicklung zu einigen.

Prof. Dr. Franz Lehner forderte einen Kurswechsel bei der Flächenentwicklung. 70 Prozent der ehemaligen Bergbauflächen sind derzeit als Freiraum ausgewiesen, liegen brach, warten lange auf eine neue – häufig nur niederschwellige – Nutzung. Um in den angrenzenden Stadtquartieren Abwärtsspiralen und Pfadabhängigkeiten von schlechtem Wohnumfeld, Bildungsdefiziten und niedriger Kaufkraft zu vermeiden, müsse eine hochwertige Flächenentwicklung als Stellschraube und strukturpolitisches Steuerungsinstrument eingesetzt werden. Flächen für effiziente Produktion, mit hoher Lebens- und Arbeitsqualität, Ressourceneffizienz, kreative Milieus und eine neue Urbanität seien nötig, um Fachkräfte und Hochschulabsolventen an die Region zu binden. Zudem erscheint das CultNature-Konzept auch wirtschaftlich attraktiv: Herstellung und Pflege dieser „produktiven Parklandschaften“ finanzieren sich selbst durch Energieerzeugung aus Biomasse, Photovoltaik oder Windkraft.

Wie das funktioniert, stellten Dr. Michael Krüger-Charlé, Katharina Rolff und Benedikt Leisering vom Projektteam CultNature vor: das im Projekt entwickelte Planungsinstrument teilt die jeweilige Betriebs- oder Haldenfläche in Planquadrate auf, die mit verschiedenen Nutzungsarten – Gewerbe, Wohnen, Freiraum, Naherholung, Energieerzeugung – bestückt werden können. Ein Stadtpark oder Bolzplatz auf der Fläche verursachen Herstellungs- und Pflegekosten, eine Biogasanlage – zur Verarbeitung der angebauten Wildpflanzen – oder ein Windrad liefern Energie und damit Kostendeckungsbeiträge. Der Computer zeigt für jedes Planspiel die Flächenbilanz an.

RAG Montan Immobilien testet das CultNature-Konzept auf ehemaligen Bergwerksflächen in Hamm und Kamp-Lintfort. „Noch sind wir kein Parkbewirtschaftungsunternehmen“, meint Konrad Ruprecht. Aber die dauerhafte oder temporäre Grünnutzung der Flächen helfe diese aufzuwerten und möglichen Investoren ein passables Gesamtpaket anzubieten. Eine immobilienwirtschaftliche Langzeitstrategie fährt auch NRW.Urban, etwa auf der Fläche einer Sinteranlage in Duisburg sowie am Bergwerk Emscher 3 / 4 in Datteln, wo „in Toplage an den Kanälen“ eine Marina entstehen soll, berichtete Meinolf Bertelt-Glöß von NRW.Urban. Die Erwartungen an das CultNature-Projekt auch in den Kommunen sind hoch. Ob sich ein „wirtschaftlicher Umgang mit unrentierlichen Flächen“ realisieren lässt, muss der Praxistest zeigen. Fest steht aber: „Das Ruhrgebiet muss auf den Radar der Investoren!“

Wildpflanzenmischungen aus Malven und Rainfarn

Von der „Ästhetik attraktiver Flächen“ berichteten auf der Veranstaltung der Landschaftsarchitekt Dr. Andreas Kipar und der Stadt- und Regionalplaner Prof. Dr. Kunibert Wachten. Dabei ging es ihnen keineswegs nur um romantische Strukturgestaltung von Brachflächen mittels Wildpflanzenmischungen aus Malven, Rainfarn und Kornblumen. „Es geht darum, Vorhaltflächen in Wert zu setzen – ästhetisch befriedigend und ökologisch vertretbar!“, so Kipar. Das Neue an CultNature: „Zeit bekommt eine Funktion und ein Gesicht“, sagt Wachten. Auf der Fläche wird gepflanzt, ohne spätere Optionen zu verbauen. „Mit der Entwicklung von Freiflächen kann man nichts falsch machen. Die temporäre Grünnutzung versperrt keine Türen für künftige Ansiedlungen wie etwa eine niederschwellige Gewerbenutzung.“

Die Frage der „Strategiefähigkeit des Ruhrgebiets“ bleibt aber auch im Projekt CultNature ein Kernproblem. Dr. Rasmus C. Beck, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung metropoleruhr, wies darauf hin, dass sich bei einer Flächenverfügbarkeit im Ruhrgebiet von 212 Hektar pro Jahr wegen der Restriktionen durch die Altindustrie der Sockel an schlecht vermarktbaren Flächen verfestige – „eine Zukunftsaufgabe“. Martin Tönnes, Bereichsleiter Planung beim Regionalverband Ruhr, sieht in den alten Montanflächen eher ein „Zukunftspotential“. Die denkbaren Kooperationsstandorte im Ruhrgebiet für Industrie- und Gewerbeansiedlung (ab 10 Hektar) umfassen nach seiner Schätzung rund 700 Hektar. „Solche Standorte lassen sich noch besser vermarkten, wenn man einen Park drauf hat – und den auch noch kostendeckend“. Udo Wichert, Geschäftsführer der STEAG Fernwärme, sieht die Strategiefähigkeit der energiepolitischen Akteure auf dem Prüfstand. Er regte an – wie bei der Grubengasnutzung auf Prosper in Bottrop – möglichst Kraft-Wärme-Kopplung bei der Biomasse-Verwertung einzusetzen.

Dass altes Kirchturmsdenken immer noch in den Kommunen des Ruhrgebiets dominiere, monierte Roland Mitschke, Fraktionsvorsitzender CDU-Fraktion im Regionalverband Ruhr. „Es geht nicht mehr, dass jede Stadt ihr eigenes Spiel spielt.“ Es brauche mehr Gemeinsamkeit, um regionale Prioritäten zu setzen – „und mehr Grün hilft, am Image nach außen zu arbeiten“. Auf Kooperation in der Region setzt auch IAT-Direktor Prof. Dr. Josef Hilbert. Das Projekt zur Standortentwicklung auf alten Bergbauflächen zeige nicht nur, wie Wirtschafts- und Sozialforscher des IAT als Ideengeber, Konzeptentwickler und Moderatoren zur Zukunftsfähigkeit der Region beitragen können, sondern auch, wie sich im Verbund von Akteuren aus Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam Innovationen gestalten lassen.

Fazit des Moderators Dr. Michael Krüger-Charlé: „Wir wollen das Ruhrgebiet nicht neu erfinden, wollen auch keine Wildpflanzen-Blumenwiese daraus machen.Wir wollen für konkrete Probleme konkrete Lösungen aufzeigen, wie sich der Standort entwickeln lässt“.

Ihre Ansprechpartner: Dr. Michael Krüger-Charlé, Durchwahl: 0209/1707-122, E-Mail: kruegerc@iat.eu, Benedikt Leisering, Durchwahl: 0209/1707-114, E-Mail: leisering@iat.eu, Katharina Rolff, Durchwahl: 0209/1707-158; E-Mail: rolff@iat.eu


Weitere Informationen:

http://www.iat.eu/index.php?article_id=1152  (Projektinfo)

Claudia Braczko | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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