Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefahr im virtuellen Tunnel

27.07.2012
Wie verhalten sich Menschen bei Unfällen oder Bränden in Tunneln? Was kann man tun, um in solchen Gefahrensituationen für mehr Sicherheit zu sorgen?

Psychologen der Universität Würzburg erforschen diese Fragen in ihrem neuen 3D-Multisensoriklabor in einer virtuellen Umgebung.


Versuchsperson im virtuellen Tunnel: Wie reagiert sie, wenn ein Auto brennt? Foto: Robert Emmerich

Familie Müller fährt auf dem Weg in den Urlaub durch einen mehrere Kilometer langen Straßentunnel. Plötzlich bremsen die Autos, denn weiter vorne ist ein schwerer Unfall passiert. Mehrere Wagen sind beteiligt, einer davon brennt, der Tunnel füllt sich mit Qualm. Die Familie ist wie versteinert – wie soll sie sich jetzt am besten verhalten?

„In einer solchen Situation neigen die Menschen dazu, sitzen zu bleiben und erst einmal zu beobachten, was die anderen machen“, sagt Professor Andreas Mühlberger, Psychologe von der Universität Würzburg. Dabei müssten eigentlich alle schnell aussteigen und zum nächsten Notausgang gehen. Aber auch das klappt in der Regel nicht: „Die Menschen laufen dann eher zurück zum Tunneleingang, weil sie diesen Weg kennen. Die Notausgänge nehmen sie kaum wahr“, so Mühlberger.

Wie Verkehrsteilnehmer bei Feuer in einem Tunnel reagieren, wird am Würzburger Lehrstuhl für Psychologie I erforscht. Den Wissenschaftlern aus dem Team von Lehrstuhlinhaber Professor Paul Pauli und Professor Andreas Mühlberger steht dafür nun eine CAVE zur Verfügung, ein 3D-Multisensoriklabor. Speziell für die psychologische Verhaltensforschung gibt es ein solches Labor sonst nirgendwo in Deutschland.

Was im Multisensoriklabor abläuft

CAVE steht für „Computer Animated Virtual Environment“. Diese ausgefeilte Technik sorgt dafür, dass sich die Probanden im Labor wie bei einem echten Brand in einem Tunnel fühlen: Sie bekommen auf einem drei mal vier Meter großen Areal, das von drei Meter hohen Projektionsflächen umgeben ist, Geräusche, Gerüche und hoch aufgelöste dreidimensionale Projektionen präsentiert, die sich interaktiv dem Verhalten der Probanden anpassen.

Ein so genanntes Tracking-System sorgt dafür, dass Standort und Bewegungen der Probanden dauernd erfasst werden. Computer passen die Bildprojektion dann entsprechend an. Auf diese Weise bekommt der Mensch in der CAVE den Eindruck, sich wirklich durch einen Tunnel zu bewegen. Die „Tracker“ befinden sich wie kleine Antennen an den 3D-Brillen der Probanden. Auch ein Ganzkörper-Tracking-Anzug steht zur Verfügung; zudem erfassen die Psychologen mittels Augen-Tracking, wohin sich die Blicke der Probanden richten.

„Wir versetzen unsere Probanden in die Situation ‚Brand im Tunnel‘ und spielen mehrere Varianten davon durch“, erklärt Mühlberger. Die Wissenschaftler zeichnen das Verhalten der Testpersonen auf, beobachten sie genau und befragen sie im Anschluss. Bei diesen Versuchen wird unter anderem auch der soziale Einfluss hinterfragt, den andere Verkehrsteilnehmer ausüben.

Wem die Erkenntnisse nutzen

Mit der CAVE wollen die Würzburger Psychologen herausfinden, wie Menschen sich bei Feuer in einem Tunnel verhalten. Aus ihren Versuchen möchten sie Empfehlungen ableiten, wie Tunnel gestaltet sein sollten, um größere Sicherheit zu bieten – zum Beispiel wie die Notausgänge anzuordnen oder zu beleuchten sind, damit sie maximale Beachtung finden.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt sollen nicht nur für den Tunnelbau verwendet werden. Auch den Verkehrsteilnehmern sollen sie zu Gute kommen, etwa in Form von Info-Broschüren mit Verhaltensregeln für Tunnel. Denkbar ist auch, dass diese Regeln in den Fahrschulunterricht einfließen oder in regelmäßige Schulungen für Berufsfahrer.

Teil eines bundesweiten Forschungsprojekts

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat für die Anschaffung der CAVE auf dem Campus Nord rund 900.000 Euro zur Verfügung gestellt. Denn das Würzburger Forschungsvorhaben ist Teil des BMBF-Projekts SKRIBT, das für mehr Sicherheit auf Brücken und in Tunneln sorgen soll.

SKRIBT steht für „Schutz kritischer Brücken und Tunnel im Zuge von Straßen“. Koordiniert wird das Verbundprojekt von der Bundesanstalt für Straßenwesen. Zehn Partner sind daran beteiligt, darunter die Universitäten Würzburg, Stuttgart und Bochum sowie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zur Homepage des Projekts: www.skribt.org

Weitere Nutzung der CAVE

Wenn das auf drei Jahre konzipierte SKRIBT-Projekt beendet ist, können die Würzburger Psychologen das High-Tech-Labor für andere Arbeitsbereiche einsetzen. Ein Schwerpunkt am Lehrstuhl I ist die Erforschung von Angsterkrankungen wie beispielsweise Panikstörungen oder Flugangst – ein Feld, für das sich virtuelle Umgebungen hervorragend nutzen lassen.

Kontakt

Prof. Dr. Andreas Mühlberger, Lehrstuhl für Psychologie I der Universität Würzburg, T (0931) 31-82068, muehlberger@psychologie.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Modernes, ökologisches Familienhaus für Naturverbundene
03.08.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Die Stadt wird zur Bühne und Häuser zu Leinwänden
03.08.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie