Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die deutschen Autobahnen

01.09.2010
Eine Geschichte der Großprojekte zwischen Motorisierungsdruck, Interessenkonflikten und Prestigedenken

Der Bau des Autobahnnetzes wird weithin als Erfolgsgeschichte des wirtschaftlichen Aufstiegs der jungen Bundesrepublik angesehen. Doch was im Ausland unter dem Begriff „German Autobahn“ noch heute als Zeichen deutscher Perfektion und vorbildlicher Organisation gilt, ist auch die Geschichte eines Megaprojekts, das verkehrspolitisch oft wenig Sinn machte oder angesichts noch dünner Fahrzeugströme in seiner Monumentalität völlig überzogen war.

Der Bau des Autobahnnetzes wird weithin als Erfolgsgeschichte des wirtschaftlichen Aufstiegs der jungen Bundesrepublik angesehen. Doch was im Ausland unter dem Begriff „German Autobahn“ noch heute als Zeichen deutscher Perfektion und vorbildlicher Organisation gilt, ist auch die Geschichte eines Megaprojekts, das verkehrspolitisch oft wenig Sinn machte oder angesichts noch dünner Fahrzeugströme in seiner Monumentalität völlig überzogen war.

Zu dieser kritischen Sicht kommt Prof. Dr. Richard Vahrenkamp, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Kassel. Seine Forschung, deren Ergebnisse jetzt als Buch erschienen sind (The German Autobahn 1920 – 1945, Eul Verlag 2010), rückt daneben erstmals einen frühen und prominenten Autobahnverfechter ins Blickfeld, dessen Rolle bisher kaum Beachtung fand: Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister der Stadt Köln und später erster Bundeskanzler im Nachkriegsdeutschland, wirkte früh als Promotor der Autobahnidee. 1932 konnte er die erste Autobahnstrecke in Deutschland zwischen Köln und Bonn einweihen.

Die ersten Pläne für den Bau von Autobahnen wurden schon zu Beginn der 1920er-Jahre unter dem Eindruck der wachsenden Motorisierung des Verkehrs geschmiedet. Schon damals entbrannte unter Verkehrsplanern, Politikern und Wirtschaftslobbyisten ein Streit darüber, ob das in weiten Teilen marode Landstraßennetz erneuert, ausgebaut und zur Entlastung der großen Städte mit Umgehungsstraßen ergänzt werden sollte, oder ob kreuzungsfreie Autopisten errichtet werden sollten. Diese Diskussion werde bis heute geführt, sagt Vahrenkamp und verweist dabei auf die Proteste gegen den geplanten Bau der A44 zwischen Eisenach und Kassel.

Die Autobahn-Lobbyisten der ersten Jahre haben laut Vahrenkamp bereits Großprojekte wie den Bau einer kreuzungsfreien Strecke von Hamburg bis nach Basel ins Spiel gebracht, obwohl das mit dem damaligen Pkw- und Lkw-Aufkommen aus wirtschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen gewesen sei. Außerdem habe der Plan den Protest derjenigen Großstädte provoziert, die weit abseits der Route lagen.

Ihre erste Chance für die Umsetzung eines Projekts nutzten die Autobahnbefürworter im Rheinland. Vahrenkamp kam bei Durchsicht der Archive zu dem Ergebnis, dass der verlorene Erste Weltkrieg den Lobbyisten dort in die Hände spielte: In diesem Ballungsraum habe damals der gewerbliche Verkehr schnell zugenommen, während gleichzeitig die Eisenbahn als wichtigstes Transportmittel wegen der Besetzung des Rheinlands und Beschlagnahmeaktionen durch Franzosen und Belgier teilweise ausfiel. Adenauer habe sich damals als Mitglied des rheinischen Provinzialparlaments vehement für den Bau von drei Autobahnstrecken eingesetzt, von denen schließlich nur die Verbindung Köln-Bonn realisiert wurde. Geschickt hätten die Befürworter der Autobahn damals die Verkehrs- mit der Sozialpolitik verknüpft, erklärt Vahrenkamp. Das Millionenheer von Arbeitslosen sollte mit dem Bau der Autobahn in Lohn und Brot gebracht und die Sozialkassen so entlastet werden. So lautete das Argument der Autobahnlobbyisten, das die Nationalsozialisten später übernahmen, ebenso wie die vielen, bereits in den Schubladen liegenden Pläne für weitere Autobahnprojekte.

Im Dritten Reich ist der Autobahnbau nach Vahrenkamps Ergebnissen meist ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Notwendigkeiten und um den Preis einer immensen Staatsverschuldung vorangetrieben worden. Propaganda und Prestigedenken hätten ganz im Vordergrund gestanden. „Damals wurde jeder Spatenstich inszeniert“, sagt der Kasseler Wirtschaftsforscher. Daneben seien andere – teils widersprüchliche -Motive wie die Förderung des Tourismus und die Nutzung der Autobahnen für militärische Zwecke in den Hintergrund getreten.

Umso verblüffender erscheint es, dass die deutschen Verkehrspolitiker in den 1950er-Jahren die Monumentalprojekte der Nazis wieder aus den Schubladen holten und teilweise realisierten. Mit dem vor 1945 bereits begonnenen Bau des Frankfurter Kreuzes 1956 habe die Bundesrepublik „die NS-Tradition von technisch und verkehrswirtschaftlich vollkommen überdimensionierten Monumentalbauten fortgesetzt“, sagt der Wirtschaftsforscher. Das gelte beispielsweise für den – besonders teuren - Bau einer zweiten Autobahnbrücke über den Main bei Frankfurt mit einem separaten Autobahnabzweig nach Limburg. Der sei damals überflüssig gewesen, weil es schon eine gute Schnellstraße gegeben habe. Der Forscher spricht angesichts des noch relativ geringen Verkehrsaufkommens in den 1950er Jahren und schmaler Kassen des Bundes von einer „Ressourcenverschwendung“.

Das Autobahnnetz in Deutschland wäre aufgrund der wachsenden Motorisierung auf jeden Fall gebaut worden. Aber bei einer vernünftigen Anpassung an die verkehrspolitischen Notwendigkeiten wohl nicht so früh und nicht so häufig ein paar Nummern zu groß. So lautet das Fazit des Forschers. Schließlich sei beispielsweise in Frankreich erst in den 1960er-Jahren mit dem Bau von Autobahnen begonnen worden. Das sei völlig ausreichend gewesen.

Info
Prof. Dr. Richard Vahrenkamp
Universität Kassel
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
tel (0561) 804-3060 oder -3058
e-mail Vahrenkamp@wirtschaft.uni-kassel.de
Dr. Guido Rijkhoek
Universität Kassel
Kommunikation, Presse und Öffentlichkeitsarbeit
tel (0561) 804-2217
mobil (0170) 9123210
e-mail rijkhoek@uni-kassel.de
Titel des Buches: Richard Vahrenkamp, The German Autobahn 1920 – 1945, Hafraba Visions and Mega Projects (Englisch)

Christine Mandel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de
http://www.vahrenkamp.org/autobahnContent.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Bäume mit Grasflächen mildern Sommerhitze
23.04.2018 | Technische Universität München

nachricht Ökologischer Anbau: Tradition und Moderne perfekt vereint
28.03.2018 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

RWI/ISL-Containerumschlag-Index auf hohem Niveau deutlich rückläufig

24.04.2018 | Wirtschaft Finanzen

BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

24.04.2018 | HANNOVER MESSE

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics