Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

BTU Cottbus erforscht Weltkulturerbe Eremitage

07.01.2009
Lehrstuhl Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung erhält zusammen mit Partner der Uni Karlsruhe eine halbe Million Euro von der DFG zur Erforschung der Eisenkonstruktionen in der Staatlichen Eremitage St. Petersburg

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert mit rund 500.000Euro im ersten, auf zwei Jahre angelegten Förderabschnitt ein Forschungsprojekt, bei dem die Untersuchung der Eisenkonstruktionen in den Gebäuden der Staatlichen Eremitage St. Petersburg im Mittelpunkt stehen.

Prof. Dr.-Ing. Werner Lorenz, Lehrstuhl Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung der BTU Cottbus und der in Leningrad geboren Architekt Dr.-Ing. Sergej Fedorov von der Universität Karlsruhe wollen mit diesem Projekt das Verständnis der Denkweisen und Lösungsstrategien der damaligen Konstrukteure im Umgang mit dem für die damalige Zeit neuartigen Baustoff Eisen erforschen.

"Wir wollen erstmals versuchen, die Baugeschichte der eisernen Tragwerke der Welterbestätte zu schreiben. Das Ziel ist eine Geschichte des Konstruierens - vom Erz in Karelien über die Eisenhütten und die Maschinenwerkstätten in St. Petersburg bis zum Detail jeder Schraube in der ehrwürdigen Eremitage" so Projektleiter Prof. Lorenz.

Der geschichtliche Hintergrund für den flächenhaften Einsatz von Eisen in den Eremitage-Gebäuden ist folgender: Nach dem verheerenden Brand des Winterpalastes, der Residenz der russischen Zarenfamilie, im Dezember 1837 forderte die kaiserliche Baukommission den großflächigen Einsatz von Eisentragwerken, die damals für feuerfest gehalten wurden. An die Stelle des traditionellen Baustoffes Holz traten nun Eisen und Stahl - in den Decken und Dächern des Winterpalastes ebenso wie bei den folgenden Umbauten der Kleinen und der Alten Eremitage sowie beim neuen Museumsgebäude der Neuen Eremitage. Wie originell und innovativ die damaligen Ingenieure mit dem neuen Baustoff umgingen, zeigen die seit 2002 laufenden Vor-Untersuchungen von Lorenz und Fedorov.

Um 1840 wurden innerhalb weniger Jahre sämtliche Bauten der ehemaligen kaiserlichen Residenz in St. Petersburg, des heutigen Eremitage-Komplexes, mit für die damalige Zeit hochmodernen eisernen Tragstrukturen versehen. Weitgehend noch im Original erhalten und archivalisch gut beschrieben, stellt dieser umfangreiche historische Bestand heute ein faszinierendes Ensemble dar, das äußerst aufschlussreiche Erkenntnisse für die Entstehung des frühen Stahlbaus - und damit die frühe Entwicklung moderner Bautechnik - zu liefern vermag. Von der UNESCO als Teil des historischen Zentrums von St. Petersburg zum Weltkulturerbe erklärt, kommt ihm auch denkmalpflegerisch außerordentliche Bedeutung zu. Ungeachtet dessen wurden diese Eisentragwerke bislang noch nicht auf einem angemessenen wissenschaftlichen Niveau systematisch untersucht.

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Untersuchungen von Prof. Lorenz und Dr. Fedorov stehen u.a.:

- die detaillierte konstruktive Bestandserfassung mit angemessenen Methoden - vom Handaufmaß bis zur Tachymeter gestützten Vermessung

- die Analyse der Archivalien zur Aufbereitung der Planungs- und Baugeschichte

- die Rekonstruktion der Planungs- und Konstruktionsprozesse sowie der Bau-, Montage- und Reparaturabläufe

- die Analyse des Tragverhaltens und die Bewertung der jeweiligen konstruktiven Qualitäten

- die Bewertung im Kontext der zeitgenössischen russischen Bautechnik und Ingenieurwissenschaften

- die Bewertung im Kontext des frühen europäischen Eisenbaus.

Der innereuropäische Transfer von Technologie und Theorie wird ebenso thematisiert wie der Einfluss regionaler konstruktiver Traditionen, der Entwicklungsstand der russischen Eisenindustrie oder das Profil der ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung. Der exemplarische Vergleich mit anderen europäischen Eisentragwerken dieser Zeit ermöglicht die Charakterisierung verschiedener Technikkulturen. Methodisch werden architektonisch / baugeschichtliche und ingenieurwissenschaftlich / bautechnikgeschichtliche Ansätze zusammen geführt. Dabei werden die Methoden der historischen Bauforschung durch - den Ingenieurbauwerken angepasste - ingenieurspezifische Komponenten wie etwa ingenieurtechnisch orientierte Bestandsaufnahmen oder statische Analysen und Parameterstudien akzentuiert.

Jenseits der wissenschaftlichen Bedeutung haben die Arbeiten für die russischen Kooperationspartner im Staatlichen Eremitage Museum große praktische Relevanz. So liefern die Untersuchungen:

- eine erstmalige umfassende Dokumentation des Ist-Zustandes der wesentlichen historischen Tragwerke in detailgenauen Zeichnungen,

- eine systematische Aufbereitung der verstreuten Archivalien,

- exemplarische statische Analysen des Tragverhaltens mit modernen ingenieurwissenschaftlichen Methoden zur Bestimmung des realen Sicherheitsniveaus,

- eine Datenbank zur Verwaltung und weiteren Bearbeitung aller erfassten und erarbeiteten Dokumente (Archivalien, Zeichnungen, Fotos, Berechnungen etc.),

- ein praktischer Leitfaden zur angemessenen Untersuchung, Bewertung und Behandlung der wertvollen historischen Tragwerke,

- und nicht zuletzt konkrete Vorschläge zur Sanierung und Ertüchtigung im Rahmen der laufenden notwendigen Erhaltungsmaßnahmen.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Werner Lorenz, Lehrstuhl Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung,
Telefon: 0355 69-3031

Katrin Juntke | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-cottbus.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Additive Fertigung: Bauteile völlig neu denken
02.12.2016 | Hochschule Landshut

nachricht Kombination von Isolierung und thermischer Masse
01.12.2016 | Fraunhofer Institute for Chemical Technology ICT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie