Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Innenstädte der Zukunft

04.07.2007
Forscher der TU Chemnitz stellen Maßnahmen zusammen, mit denen sich Innenstädte fit für die älter werdende Bevölkerung machen können

Mal schnell mit dem Fahrrad in die Stadt sausen, sich durchs Getümmel winden und beim ersten und letzten Geschäft der Fußgängerzone Besorgungen machen - was für junge Menschen Gewohnheit ist, kommt mit zunehmendem Alter nicht mehr in Frage.

Wenn die körperlichen Kräfte nachlassen, will jede Einkaufstour gut geplant sein. Im Jahr 2000 betrug der Altersquotient in Deutschland rund 24 Prozent. Der Altersquotient gibt das Verhältnis der über 65-Jährigen zu den 20- bis 64-Jährigen in einer Gesellschaft an. Für das Jahr 2020 schätzt ihn das Statistische Bundesamt auf etwa 35 Prozent, für 2040 auf mehr als 50 Prozent.

Die Bevölkerung wird älter - und dieser Entwicklung müssen sich auch die Innenstädte anpassen. Welche Umgestaltungsmaßnahmen dazu dringend auf die Agenda der deutschen Städte müssen, ist Thema eines Forschungsprojektes der Professur für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der TU Chemnitz. Erste Ergebnisse liegen jetzt vor. Demnach sind es zum einen die physischen Kräfte und zum anderen die finanziellen Verhältnisse, die das Verhalten älterer Menschen in Innenstädten maßgeblich beeinflussen.

Durch die geringer werdenden körperlichen Kräfte versuchen ältere Bürger, unnötige Wege zu vermeiden. Shoppingcenter, die ein abgestimmtes Programm dicht nebeneinander liegender Geschäfte bieten, kommen älteren Menschen dabei entgegen. Für die Besitzer einzelner Läden außerhalb solcher Zentren wird es schwierig. Geschäftsleute einzelner Läden sollten, so die Ergebnisse des Forschungsprojekts, mehr als bisher koordiniert agieren. Für die Gestaltung von Innenstädten ergibt sich, dass lang gezogene und breite Einkaufsstraßen oder große Plätze zu vermeiden sind. Wenn sich die Strecken, die ältere Menschen zu Fuß zurücklegen müssen, nicht ausreichend verringern lassen, müssen die Städte ansprechende Ausruhmöglichkeiten anbieten. Dieser Punkt ist sehr sensibel, so die Ergebnisse der Studie, da sich die älteren Innenstadtbesucher in zwei Gruppen einteilen lassen: die fitteren und die weniger fitten.

Letztere verbringen einen großen Teil ihres Stadtbesuchs sitzend und beobachtend. Dadurch zeigen sie, dass sie zu den weniger fitten zählen. Sitzen hat deshalb bei den fitteren ein negatives Image. Sie wollen sich bewusst davon abgrenzen und versuchen auf den Beinen zu bleiben oder wenigstens so zu wirken, als fiele ihnen dies leicht. Sie setzen sich nur hin, wenn es Anlässe gibt, die das quasi erzwingen, etwa wenn es Interessantes zu sehen gibt. Ohne solche Gelegenheiten brechen sie den Innenstadtbesuch eher vorzeitig ab, wenn die Kräfte nachlassen. Sitzgelegenheiten müssen also so zentral und attraktiv gestaltet werden, dass sie auch jüngere Menschen zum Verweilen einladen würden und dürfen nicht den Anschein von Abstellplätzen für gebrechliche Senioren erwecken.

Fast alle älteren Menschen verbindet eine Angst vor Enge und Gedränge, denn dadurch entsteht die Gefahr, zu stürzen. Die Städte müssen hier mit einem größeren Platzangebot reagieren, sowohl in den Läden als auch in den Straßen. Die Konsequenzen - sinkende Flächenumsätze und eventuell fallende Mietpreise - sollten die Vermieter rechtzeitig bedenken. Aufgrund ihrer oftmals geringen Kaufkraft bevorzugen ältere Menschen häufig Geschäfte mit niedrigem Preisniveau. Sammeln sich solche Läden an einem Ort, erhöht sich die Gefahr von städtischen Schmuddelecken, weil Billigläden das unterschiedlichste Klientel anlocken. Dieses Problem können Stadtverwaltungen nicht allein lösen: Die Geschäftsleute müssen Modelle entwickeln, bei denen geringe Produktpreise mit Sauberkeit und Sicherheit verbunden werden. Noch zwei weitere Faktoren spielen eine oft unterschätze Rolle für Innenstadtbesuche älterer Menschen: die Anfahrt und die Toilettensituation. Kräfte, die bereits bei der Anreise verbraucht werden, stehen in der Innenstadt selbst nicht mehr zur Verfügung. Die Angebote des Nahverkehrs müssen deshalb in die Planungen mit einfließen.

Ist etwa der Schnee an den Einstiegshaltestellen nicht geräumt, wird eher auf den Innenstadtbesuch verzichtet, als ein Beinbruch riskiert. Dasselbe gilt, wenn zu wenige Rückfahrmöglichkeiten angeboten werden, weil dies die Angst auslöst, dass der Aufenthalt in der Innenstadt länger als geplant dauern könnte. Unmittelbar reiseverhindernd und dadurch umsatzmindernd wirkt sich auch ein mangelhaftes Angebot an Toiletten aus. Ältere Menschen haben in der vorliegenden Untersuchung eine deutliche Scheu vor unnötigen Wegen gezeigt. Befindet sich eine Toilette nicht unmittelbar vor Ort, wird der Innenstadtbesuch abgekürzt und abgebrochen. Deshalb ist es erforderlich, die typischen Wege älterer Menschen aufzuzeichnen und die Toiletten entsprechend anzubringen.

Stadtverwaltungen haben hier nur begrenzte Möglichkeiten, weil an den ausgemachten Stellen nicht immer städtische Grundstücke verfügbar sind. Die Geschäftsleute müssen auch hier koordiniert handeln - in Einkaufszentren ist das Problem gelöst.

Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Friedrich Thießen, Professur für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre, Telefon (03 71) 5 31 - 2 61 90, E-Mail finance@wirtschaft.tu-chemnitz.de.

Katharina Thehos | TU Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/tu/presse/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Stadtplanung im Klimawandel: HafenCity Universität Hamburg entwickelt Empfehlungen
24.03.2017 | HafenCity Universität Hamburg

nachricht Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen
23.03.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise