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Antiochia - eine antike Metropole

15.02.2007
Studenten des Fachbereiches Bauwesen der HTWK Leipzig erstellen erstmals einen Umrissplan einer der vier größten Städte der Antike in der Türkei.

Einst gehörte sie neben Alexandria, Rom und Konstantinopel zu den vier größten Städten in der Antike: Antiochia - heute bei Türkei-Touristen als Antakya bekannt. Doch viele dieser Touristen schaffen es gerade einmal zu den prachtvollen Mosaiken, die Archäologen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ausgegraben haben.

Manchmal besichtigen sie auch noch die Kirche am Feldhang des Staurin-Berges, einem Stadtberg von Antiochia, wo einst Paulus und Petrus lehrten. In der kargen Felslandschaft im Osten der Türkei liegen jedoch noch ganz andere Schätze verborgen - keine Tonscherben oder Goldmünzen, dafür aber Teile der einstigen Stadtmauern und Befestigungsanlagen. Und eben genau diese Mauerreste sind für Prof. Ulrich Weferling vom Lehrgebiet Vermessungskunde des Fachbereichs Bauwesen der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) und seine sechs Studenten interessant.

Eine interdisziplinäre Projektgruppe mit insgesamt 20 Teilnehmern reist seit 2004 einmal im Jahr für fünf Wochen in die Türkei, um die baulichen Reste Antiochias zu erforschen. "Für viele Archäologen sind natürlich das fünf Meter hohe Felsenrelief am Hang der Bergstadt Epiphaneia und Fundstücke wie Mosaiken von Interesse, uns geht es jedoch darum, die Ausmaße und bauliche Entwicklung des antiken Antiochia zu dokumentieren", erklärt Prof. Ulrich Weferling.

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Die Stadt hatte in der Antike mehrere 100.000 Einwohner und erstreckte sich viel weiter als das heutige Antakya. Die Siedlungsgeschichte dieser Stadt wurde jedoch noch nie richtig erforscht, obwohl die Stadt in ihrer Bedeutung damals in Konkurrenz zu Alexandria gestanden haben soll. Im vergangenen Jahr ist es nun Prof. Ulrich Weferling und seinen Studenten gelungen, die Umrisse Antiochias anhand der gefundenen Stadtmauerzüge auf Plänen festzuhalten. Es zeigte sich, dass die antike Stadt tatsächlich eine Metropole war und einen Durchmesser von drei mal fünf Kilometern hatte. Die älteste Stadtmauer aus dem 3. Jahrhundert vor Christus läuft weit vom heutigen Altstadtkern entfernt an Felshängen entlang und über den 500 Meter hohen Silpius-Berg hinweg. Die Studenten der HTWK Leipzig arbeiten dabei in mehreren kleinen Teams an verschiedenen Aufgaben: Als Basis aller zukünftigen Forschungen in Antiochia muss ein Netz von Bezugspunkten angelegt und vermessen werden. Diese grundlegende Vermessung wird mit Hilfe des Satellitenpositionierungssystems GPS ausgeführt. Durch die Auswertung der GPS-Messungen können die Positionen der Bezugspunkte mit einer Genauigkeit von einem Zentimeter bestimmt werden. Mit modernen elektronischen Tachymetern und GPS Geräten werden Messungen für den Topographischen Gesamtplan des antiken Antiochia vorgenommen. Ergänzend kommen mit den modernsten Tachymetern Messgeräte zum Einsatz, deren laserbasierte Strecken- und Winkelmessung eine millimetergenaue Positionierung aller Messpunkte ermöglicht. Auch die Reste der Stadtmauer und das Eiserne Tor werden mit Tachymetern sowie darüber hinaus mit digitaler Photogrammetrie dokumentiert - ein Verfahren, mit dem sich auf der Grundlage digitaler Photos maßstäblich Pläne erstellen lassen. Eine weitere Gruppe hat begonnen, die antiken Wasserkanäle aufzuspüren und zu vermessen. Alle Teams arbeiten eng mit den beteiligten türkischen und deutschen Archäologen und Bauforschern von verschiedenen Hochschulen zusammen. Nur durch die enge Zusammenarbeit aller Fachdisziplinen kann eine hochwerte Dokumentation von Antiochia geschaffen werden, auf deren Basis weiteren Untersuchungen der Archäologen und Projektleiter Prof. Dr. Gunnar Brands von der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg und Dr. Hatice Pamir von der Mustafa Kemal Universität Antakya erfolgen werden.

Da das heutige Antakya weiter wächst und sich ausdehnt, ist es für die Archäologen wichtig, zu wissen, wo sie den Bauarbeiten Einhalt gebieten müssen, um die wertvollen antiken Hinterlassenschaften nicht zu zerstören. Außerdem könnte so ein großer Teil der Entwicklungsgeschichte der Stadt nachvollzogen werden. "Oft war es gar nicht so einfach, die Mauern zu finden", sagt Prof. Weferling, "denn manchmal sind nur noch Mörtelspuren im Gras übrig." Beeindruckend gut erhalten ist dagegen das so genannte "Eiserne Tor". Ein Stauwehr und Teil der Stadtmauer, das circa 31 Meter breit und 35 Meter hoch ist. Dieses Teilstück führt über die Parmeniosschlucht und staute das Schmelz- und Regenwasser des Parmenios auf. "Der Aufstieg zu den Mauerresten ist nicht leicht, oft weht ein sehr starker Wind auf den 500 Meter hohen Bergen und es ist heiß", erzählt Prof. Weferling von seinen Erfahrungen. Für die Strapazen wird man aber mit einem gemeinsamen Essen zusammen mit den türkischen Mitarbeitern entschädigt. "Unser Fahrer und seine Frau waren sehr gastfreundlich und den Studenten hat das gemeinsame Tee trinken gefallen."

Bevor die Studenten der HTWK Leipzig mit der Dokumentation der Mauern begannen, beruhten die Aussagen zu den Stadtmauern meist nur auf Schriftquellen. Auch die unterschiedlichen Bauphasen und Restaurierungen an den Mauern waren nicht erfasst. Bald soll mit Hilfe einer digitalen 3D-Animation schon dargestellt werden können, wie das vollständige geschlossene Mauersystem der antiken Stadt ausgesehen hat. Die Dokumentation der Gesamtanlage wird durch eine weitere Messkampagne in diesem Sommer in großen Teilen abgeschlossen werden können. Doch die Arbeit ist damit noch nicht beendet: Die Forschungsarbeiten sollen sich anschließend auf die antike Wasserversorgung und archäologische bedeutsame Einzelbauwerke konzentrieren.

Katrin Gröschel | idw
Weitere Informationen:
http://www.htwk-leipzig.de

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