Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie die Holzmindens, Wetzlars und Wanne-Eickels dieser Welt von Las Vegas lernen können

30.11.2005


Es hätte kaum gegensätzlicher sein können: Die würdige Hochschulhalle in Holzminden, Zeugin ehrenhafter und vor allem bodenständiger architektonischer Baukunst, bot den Rahmen für eine flirrende Diskussion über "Wow-Effekte" von schrill-kitschigen Infotainment-Tempeln in Dubai, Disney-Land oder Bilbao. Im beschaulichen Holzminden traf sich, was auf dem Sektor Immobilientrends und Freizeittempel international Rang und Namen hat: Trendsetter Ludwig Morasch, FAssadenkünstler Prof. Joan Sofron und der Immobilienexperte der FAZ, Jens Friedemann.



Ludwig Morasch, Wiener mit Wohnort Monte Carlo und eigentlich immer in Sachen Trendsetting dort unterwegs, wo Kunden Geld ausgeben sollen. Morasch sprühte sein Ideen-Feuerwerk in die Runde, dass so manchem herkömmlichen Marketing-Fachmann der Atem stockte. Professor Joan Sofron, Künstler aus Paderborn und erfolgreicher Buntmacher von deutschen Einkaufszentren berichtete über seine schrägen Pop-Fassaden. Moderator der anschließenden Frage "Was hat das alles mit den Holzmindens, Wetzlars oder Wanne-Eickels in Deutschland zu tun" war kein geringerer als der namhafteste deutsche Immobilien-Journalist Jens Friedemann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

... mehr zu:
»Las Vegas »Stadt »Städte


Hanseatisch charmant schlug der Berufs-Münchener immer wieder den Bogen von Pappmaché-Schlössern für Erlebnishungrige und gigantischen Ski-Hallen mit drehbarer Piste zu den verkehrsberuhigten und recht oft menschenleeren Einkaufszonen deutscher Kleinstädte. "Bewegen Sie was", rief Morasch seinem Publikum zu. Bei den aus dem gesamten Bundesgebiet stammenden Studierenden des Studiengangs Immobilienwirtschaft und -management fiel die Botschaft des renommierten Trendanalytikers auf fruchtbaren Boden.

Ihr Lehrer, Professor Dr. Jürgen Erbach, hatte zum ersten Holzmindener Immobiliendialog mit dem Thema "Neues Outfit für Einzelhandelsimmobilien?" eingeladen und bewusst die provokantesten Vertreter ihres Metiers an die Weser geholt.

Fest stand denn auch schnell, deutsche Städte brauchen neue Ideen. Fest stand aber ebenfalls frei nach Frank Sinatras "I do it my way", dass nicht die Kitschkopie amerikanischer Action-Kaufhäuser gemeint sein könne. Dies machte besonders Erbach in der Diskussion deutlich. Und er ist einer, der weiß, wovon er spricht: National viel beachtet entwickelt er ein ganz neues Konzept für die Belebung der Innenstadt von Wetzlar. Dort ist das Flimmer-Shirt mit dem Aufdruck "Wetzlar - Stadt der Optik" zum Verkaufsschlager geworden. Das gehört eben dazu, aber ansonsten werden viele neue Ideen wetzlarkompatibel umgesetzt. "Wir müssen Überraschendes, Erlebbares und Informatives für unsere Mentalität entwickeln", sagt Erbach und ermutigt Städte wie Holzminden, nicht nur nach Hollywood sondern auch nach Wetzlar zu schauen.

FAZ-Redakteur Friedemann verweist ebenfalls auf eine ganz schlichte Idee des amerikanischen Kaufhauses Bloomingdale. Dort kann der Kunde am Eingang zwischen einem blauen und einem roten Einkaufskorb wählen. Den blauen zu benutzen ist umsonst, der rote kostet einen Dollar. Auf Friedemanns Nachfrage beim betagten Besitzer erhielt er die erstaunliche Auflösung: Wer den roten nimmt, signalisiert, ’ich bin auf Partnersuche’ und bekommt an der Bar einen Sekt. Eine junge Verkäuferin hatte diesen Vorschlag gemacht. Einen derartigen Umsatzzuwachs hatte Bloomingdales nach der Umsetzung dieser Idee in der gesamten Geschichte des Unternehmens nicht zu verzeichnen.

Gute Einfälle sind manchmal eben nicht teuer und davon braucht es auch bei uns eine Menge. Friedemann hatte zu Beginn der Veranstaltung die Lage skizziert: "Es fehlt an Dynamik in unseren Städten." Leben und Einkaufen strebten auf die grüne Wiese. Zentrifugierende Gesellschaftskräfte seien am Werk. Wachstum verlagere sich an die Knotenpunkte der Mobilität. Bald ähnelten sich Städte wie Berlin, München, Hamburg aufs Langweiligste. Diese Parallelität der Erscheinungsweisen müsse durchbrochen werden.
Ein weiterer Aspekt dränge sich im Bewusstsein der Menschen immer mehr in den Vordergrund: die Sicherheit. Spätestens seit den Terroranschlägen auf die Twintowers in New York gingen die Zeiten der offenen, ungeschützten Stadt zu Ende. "Die Stadtmauer kehrt zurück", beschwor der Immobilien-Experte. Darauf reagiere die Branche mit geschützten Erlebniswelten. Auf all diese Entwicklungen müsse auch Deutschland Antworten suchen.

Morasch’ These dazu: "Menschen brauchen Inszenierungen. Versetzen Sie sich in die Kunden und fragen Sie sich, wie kann ich ihre Kaufkraft stimulieren." Der Erlebnis-Guru schreckt dabei auch nicht vor gestempeltem Estrich als Marmorimitat zurück oder vor Duftmanipulationen im Einkaufsland. Friedemann sagt: "In Holzminden geht das nicht" und plädiert für "normale" Mittel. Die Holzmindener Professorenschaft der Fakultät Bauwesen sieht dies ebenso. Wenngleich das Auditorium unisono befand, dass es noch viele äußerst attraktive "normale" Mittel gebe, die ersonnen werden wollten. Und genau dafür werden die angehenden Immobilienwirte von der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst ausgebildet. Der Immobiliendialog jedenfalls hat ihren Blick weit geöffnet. So kann Holzminden doch von Las Vegas lernen.

"Mit dem Holzmindener Immobiliendialog sind wir in eine neue Liga der Immobilienwissenschaft aufgestiegen", ist das Resüme von Organisator Prof. Dr. Jürgen Erbach. Insbesondere der interdisziplinäre Ansatz der HAWK in Holzminden, der die Kompetenzen der Architekten, Bauingenieure, Immobilienmanager und Sozialpädagogen bündele, sei die beste Voraussetzung, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Sabine zu Klampen | idw
Weitere Informationen:
http://www.fh-hildesheim.de
http://www.fh-goettingen.de
http://www.fh-holzminden.de

Weitere Berichte zu: Las Vegas Stadt Städte

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Holzhäuser bei grauer Energie im grünen Bereich
22.06.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

nachricht Wie Menschen Schäden an Gebäuden wahrnehmen
22.06.2017 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften