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Plattenbau - vom "Energiefresser" zum Super-Niedrigenergiehaus

08.08.2005


Ein Haus in Plattenbauweise kostengünstig vom "Energiefresser" zum komfortablen Super-Niedrigenergiehaus umzubauen: Das soll ein von Wissenschaftlern der Universität Kassel entwickeltes Renovierungsmodell leisten. Im Pilotprojekt SOLANOVA zeigen sie praktisch, dass ihr Modellkostengünstig funktioniert. Dazu renovieren sie einen ungarischen Plattenbau nach ihrem Modell. Zur Anwendung kommt dabei hochmoderne Passivhaus-Technologie. Diese wurde zur Renovierung eines Hauses in Plattenbauweise bisher noch nicht angewendet. Sind die Kasseler Forscher erfolgreich, will die Europäische Union nach diesem Modell den Umbau ganzer Plattenbau-Siedlungen in den östlichen EU-Mitgliedern fördern. Dies bietet die Chance, den Abriss energetisch nicht tragfähiger Wohnquartiere und damit die Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen zu verhindern. In Ungarn wäre beispielsweise fast ein Siebtel der Bevölkerung davon betroffen. Anwendung finden kann das Renovierungskonzept aber auch in Deutschland.


Mit etwa 25 Litern Heizöl je Quadratmeter und Jahr verbrauchen unrenovierte Plattenbauten in Mittel- und Osteuropa bis zu 50 Prozent mehr als durchschnittliche Gebäude in Deutschland. Grund: ihr enorm hoher Wärmeverlust. Hochmoderne Passivhäuser dagegen verlieren aufgrund ihrer exzellenten Dämmeigenschaften kaum Wärmeenergie. Allein passive Wärmequellen wie Sonne, Haushaltsgeräte und die Bewohner selbst temperieren die Räume angenehm. Bereits eine minimale Zusatzheizung genügt dann, um ein behagliches Raumklima zu schaffen.

Es ist möglich, Plattenbauten von "Energiefressern" mit Passivhaus-Technologie kostengünstig zu Super-Niedrigenergiehäusernumzubauen. Das will eine Kasseler Forschergruppe vom WissenschaftlichenZentrum für Umweltsystemforschung (WZIII) an der Universität Kasseldemonstrieren. Projektleiter ist der promovierte Maschinenbauingenieurs Hartmut Hübner. Das Demonstrationsprojekt trägt den Namen SOLANOVA. In der übersetzten Langform steht das englische Akronym für "Solar unterstützte, integrierte ökoeffiziente Renovierung von großen Wohngebäuden und Energieversorgungssystemen". Auf vier Jahre ist SOLANOVA insgesamt angelegt. In den ersten zwei Jahren seit Januar 2003 haben die ForscherSponsoren und Partner gewonnen und die vorhandene Passivhaus-Technologie aus Deutschland und Österreich auf die Plattenbau-Renovierung zugeschnitten. Herausgekommen ist ein innovatives Renovierungsmodell. Denn bisher wurde Passivhaus-Technologie in erster Linie bei Neubauten angewendet. Der Einsatz bei einer Renovierung eines Plattenbaus ist absolutes Neuland.


Ziel: 80 Prozent geringerer Wärmeverlust

Um zu zeigen, dass ihr Modell praktisch funktioniert, renovieren die Kasseler Wissenschaftler einen siebengeschossigen Plattenbau in der ungarischen Stadt Dunaújváros, 70 Kilometer südlich von Budapest. Gerade haben die Bauarbeiten begonnen. Sie sollen noch bis Oktober dauern. Insgesamt mit acht Partnern, darunter die Universität Budapest und lokale Unternehmen, will die Kasseler Forschergruppe den Heizenergieverbrauch des Hauses um mehr als 80 Prozent senken. "Für die ungarische Bautechnologie ein Sprung von 25 Jahren", so der SOLANOVA-Projektleiter Hartmut Hübner.

Renovieren oder Sprengen

Neben der ungarischen Regierung, der Stadt Dunaújváros, dem örtlichen Fernwärmeunternehmen und den Wohnungseigentümern, fördert die Europäische Union das Projekt mit einem der größten Finanzierungsanteile. SOLANOVA ist das erste und einzige Projekt dieser Art in den neuen EU-Staaten, das von der Europäischen Kommission gefördert wird. Das Demonstrationsprojekt ist für die EU ein zentraler Prüfstein. Denn das ungarische SOLANOVA-Haus ist typisch für die Plattenbauweise in den ehemaligen sozialistischen Staaten im östlichen Mitteleuropa. Ist der Umbau erfolgreich, will die Kommission nach dem Kasseler Modell die Renovierung ausgedehnter Plattenbausiedlungen fördern. Für den entgegengesetzten Fall sprechen EU-Bedienstete intern von SOLANOVA als "Retrofit oder Dynamit" - können die Plattenbausiedlungen nicht energetisch fit gemacht werden, droht ihr Abriss. "Das hätte tiefe Einschnitte für die Bewohner in den Siedlungen da über Jahrzehnte gewachsene soziale Gemeinschaften in den Siedlungen auseinander gerissen werden würden", beschreibt Andreas Hermelink, SOLANOVA-Projektmanager, die Folgen einer solchen Entwicklung.

Eine zentrale Rolle für den Erfolg von SOLANOVA spielt für die Kasseler Wissenschaftler die Akzeptanz der Passivhaus-Technologie durch die Bewohner. Die sollen das Konzept schließlich öffentlich unterstützen. Alles, woran sich die Bewohner gewöhnt haben und ihnen lieb ist, wird daher nicht verändert. So werden trotz der automatischen Zufuhr von erwärmter Frischluft alle Fenster in den Wohnungen zu öffnen sein und ihre gewohnte Größe behalten. Kleinere Fenster ohne Öffnungsmöglichkeit hätten zwar den Wärmeverlust weiter verringert. Die Bewohner hätten sich aber möglicherweise gegängelt geführt. "Wir wollen die Bewohner in ihren Vorstellungen von Wohnqualität auf keinen Fall beschneiden", unterstreicht Hermelink.

Demonstrieren wollen die Kasseler Wissenschaftler mit SOLANOVA auch dasgroße Potential der Solartechnik in Verbindung mit Niedrigenergiehäusern. Am Gebäude angebrachte Solarkollektoren werden einen Großteil der benötigten Energie für Warmwasser bereitstellen. "Daraus ergeben sich spannende Perspektiven. In Wohnquartieren mit Passivhäusern könnte die Energiever-sorgung beispielsweise von Gas auf Solar und Biomasse umgestellt werden", beschreibt Hermelink.

Die Forscher und ihr Wissenschaftszentrum

Die SOLANOVA-Wissenschaftler arbeiten am Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung (WZIII) an der Universität Kassel. Das WZIII ist seit 1995 eines der interdisziplinären Forschungszentren der Universität Kassel. Ziel des Zentrums ist es, zu erforschen, wie Umweltsysteme zusammenwirken. Der für das Zentrum namensgebende Ansatz der Umweltsystemanalyse fasst die Umwelt (und insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt) als System auf, in welchem verschiedene Komponenten interagieren. Im Beispiel des SOLANOVA-Projekts etwa verbinden die Wissenschaftler sozialwissenschaftliche Fragen bezüglich Wünschen und Verhalten derBewohner mit ingenieurwissenschaftlichen Fragen zu ökologischer Energieeffizienz. Als Ergebnis steht die ideale Kombination der zwei Komponenten in diesem Umweltsystem.

Martin Wünderlich | Universität Kassel
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de

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