Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Berner Wissenschafter entschlüsseln Entwurfsprinzip des "Achten Weltwunders"

14.07.2004


Berner Wissenschafter entschlüsseln Baumodul der Hagia Sophia: Quadrat/Kreis-Doppelmodul war Entwurfsprinzip des "Achten Weltwunders"

Nahezu eineinhalbtausend Jahre nach ihrer Errichtung im Zentrum des alten Konstantinopel gibt die Hagia Sophia ihr Konstruktionsprinzip preis. Entschlüsselt hat es Volker Hoffmann, Professor am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern, unter Einsatz modernster 3-D-Lasertechnologie. Einige dieser ersten Laser-Auswertungen werden Mitte Juli 2004 in Istanbul am Kongress der Internationalen Gesellschaft für Photogrammetrie und Fernerkundung (ISPRS) erstmals zu sehen sein.

Wegen ihrer immensen, nahezu schwerelos über dem freien Hauptraum schwebenden Kuppel galt die im Auftrag von Kaiser Justitian errichtete Sophienkirche in der Spätantike als achtes Weltwunder. Gebaut wurde die "Aya Sofya" in nur sechs Jahren zwischen 532 bis 537 n.Ch. nach den Plänen des Mathematikers Anthemios von Tralles und des Architekten und Statikers Isidoros von Milet. Doch die Pläne dieses bedeutenden Bauwerkes und heutigen UNESCO-Weltkulturerbes blieben für immer verschollen. Seit Hunderten von Jahren versuchen Fachleute zu ergründen, wie es diesen Wissenschaftern und Künstlern im 6. Jahrhundert gelungen ist, eine freischwebende nahezu 56 Meter hohe Kuppel von 31 Metern Durchmesser auf nur vier Säulen zu errichten. Berücksichtigt man die in der Spätantike verfügbaren technischen Möglichkeiten, so gilt sie noch heute für viele Fachleute als eine der kühnsten Konstruktionen von Menschenhand.

"Unmöglichkeit" einer Proportionsbestimmung

"Das entscheidende Erlebnis beim Eintritt durch die Kaiserpforte in den Hauptraum, der sich sogleich in voller Weite und Höhe bis zum Scheitel der riesigen Kuppel frei überschaubar darbietet, ist die Unmöglichkeit, ein eindeutiges Verhältnis zu den Dimensionen und eine gültige Bestimmung der Proportionen zu finden. Dieses von den Erbauern beabsichtigte Phänomen ergibt sich aus der räumlichen Struktur, der scheinbaren Schwerelosigkeit der Kuppel, und der verwirrenden Fülle direkter und indirekter Lichtführung" schreibt Marco Polo. Dank der Arbeit der Berner Kunsthistoriker liegen nun die Erkenntnisse über diese Proportionen und ihre konsequente Anwendung durch die damaligen Architekten und Baumeister vor.

Bauweltwunder aus Eins-zu-Einsnullsechs

Wie Volker Hoffmann mit seinem Mitarbeiter Nikolas Theocharis in einem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Forschungsprojekt herausfand, beruht der gesamte Entwurf der Hagia Sophia auf einem Analemma. Das ist ein bereits von Ptolemäus beschriebenes Projektionsverfahren, bei welchem sich Quadrat und Kreis umfangen sowie dreidimensional als Würfel und Kugel durchdringen. Für die Hagia Sophia hatten Anthemios und Isidoros gemäss Volker Hoffmanns Erkenntnissen ein verschränktes Doppelquadrat-Analemma als einheitliche Entwurfsfigur für den Grundriss und den Aufriss der Kirche entwickelt. Nach 3-D-Lasermessungen mit einem HDS(TM)-Laserscanner Leica 2500 und einem Handlasermeter Leica Disto(TM) in der Hagia Sophia entschlüsselten die beiden Wissenschafter der Universität Bern mit dem Verfahren des sogenannten Reversed Engineering nun 1470 Jahre später einen "Mutterriss". Er beruht auf einem Seitenverhältnis von 1 zu 1,06 des kleinen Quadrates zum grossen Quadrat. In ihren bisherigen Untersuchungen kommen die Forscher zum Schluss, dass "in der Hagia Sophia wohl keine bauplanrelevanten Punkte und Linien zu finden sein dürften, die sich nicht mit geometrischer Logik aus diesem Mutterriss ableiten liessen."

Geniales Entwurfsprinzip rekonstruiert

Dieses von Volker Hoffmann als "Mutterriss" der Hagia Sophia bezeichnete Entwurfs- und Bauprinzip ist genial. "Vereinfacht könnte man sagen: würde der Mutterriss mit Pflöcken und Schnüren auf dem Bauplatz abgesteckt, dann bräuchte der Baumeister lediglich das Doppelquadrat einzumessen und schon liessen sich alle anderen Punkte (Pflöcke) und Linien (Schnüre bzw. Visierlinien) der gesamten Hagia-Sophia-Architekturelemente sehr genau übertragen", sagt der Professor für Architekturgeschichte und Denkmalpflege der Universität Bern. Nächstes Jahr sollen nach Vervollständigung der Laserauswertungen und nach Rücksprache mit Museumsdirektor Mustafa Akkaya Resultate dieser Forschungsarbeit für die 14 Millionen Einwohner Istanbuls und für die zahlreichen Besucher der Hagia Sophia in einer Ausstellung präsentiert werden. Die zum ISPRS-Kongress jetzt im Juli 2004 angereisten zweitausend Photogrammeter und Fernerkundungsfachleute erhalten bereits dieses Jahr in Istanbul auf dem Ausstellungsstand der Leica Geosystems erste Einblicke.

Niemand hatte bisher in diesem der Göttlichen Weisheit (Hagia Sophia) gewidmeten Bauwerk das Entwurfsprinzip erkannt, bis Volker Hoffmann es nun unter dem Einsatz modernster 3-D-Lasermesstechnik zusammen mit seinem Mitarbeiter Nikolaos Theocharis nach 1470 Jahren endlich entschlüsselte.



Kontakt:

... mehr zu:
»Hagia Sophia


Prof. Dr. Volker Hoffmann
Institut für Kunstgeschichte

Hodlerstrasse 8, CH-3011 Bern
Tel. +41/31/631-4743, Fax: -8969
E-Mail: hoffmann@ikg.unibe.ch

Fritz Staudacher
Leica Geosystems AG
Heinrich-Wild-Strasse
CH-9435 Heerbrugg (Schweiz)
Tel. +41/79/201-5891, Fax: -5043
E-Mail: Fritz.Staudacher@leica-geosystems.com
E-Mail: staud1@bluewin.ch

Fritz Staudacher | Leica Geosystems AG
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

Weitere Berichte zu: Hagia Sophia

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen
23.03.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Neues Mehrfamilienhaus-Konzept vom Ökohaus-Pionier
21.03.2017 | Bau-Fritz GmbH & Co. KG, seit 1896

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Impfstoffe zuverlässig inaktivieren mit Elektronenstrahlen

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Darmkrebs: Wenn die Wachstumsbremse fehlt

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Riesensalamander, Geckos und Olme – Verschwundene Artenvielfalt in Sibirien

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie