Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie rekonstruiert man einen Landschaftspark?

17.12.2003


Wissenschaftler der TU Berlin dokumentieren die Geschichte des Wege- und Wasseranlagenbaus in deutschen Gärten und Parks und liefern Grundlagen für die angewandte Gartendenkmalpflege


Schloss Charlottenburg in Berlin: Der Ehrenhof am Eingang zum Schlosshauptgebäude ist mit historischen und modernen (nachgebildeten) Klinkern gepflastert (l)


Kunststeine waren im 18. und frühen 19. Jahrhundert keine Massenware, sondern kostbares Material. Erst im 20. Jahrhundert wurden Klinker vermehrt eingesetzt. TU Berlin/Forner



Der große Meister des Landschaftsgartens Hermann Fürst von Pückler-Muskau beschrieb in seinem Werk "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" von 1834 präzise, wie Gartenwege anzulegen und zu bauen sind. Sie seien "so zu führen, dass sie auf die besten Aussichtspunkte ungezwungen leiten", "die übersehbaren Flächen, durch die sie führen, nur in malerischen Formen abschneiden", und sie müssten "technisch gut gemacht werden, immer hart, eben und trocken" sein. Doch Buchweisheiten sind das eine, die Praxis ist das andere.

... mehr zu:
»Garten »Park »Wasseranlagen

In einem 3-jährigen nun abgeschlossenen DFG-Forschungsprojekt "Historische Bauforschung und Materialverwendung im Garten- und Landschaftsbau" untersuchten Prof. Dipl.-Ing. Heinz W. Hallmann und Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner vom Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Technischen Universität Berlin deshalb, ob die namhaften Gartenkünstler auch so gebaut, wie sie es niedergeschrieben hatten. Es sei vorweggenommen, dass Pückler-Muskau in beeindruckender Weise den Landschaftsgarten in Branitz und den Park in Potsdam-Babelsberg so ausführte, wie er sie erdacht hatte. Nicht jedem Gartenbaukünstler war das vergönnt.
"Die Forschungsergebnisse dienen der angewandten Gartendenkmalpflege bei der Sanierung, Rekonstruktion und zukünftigen Pflege der Garten- und Parkanlagen", sagt Dr. Jörg-Ulrich Forner. "Mit diesem Wissen kann eine präzise Analyse und Bewertung der vorgefundenen Bausubstanz durchgeführt werden, was erhaltenswert ist, weil original so gebaut, und welche baukonstruktiven Teile der Anlagen neuzeitlich, also später, angefügt wurden."
Den Verantwortlichen für Gartendenkmalpflege obliegt es nun, anhand dieser Forschungsergebnisse zu entscheiden, wie Parks und Gärten künftig rekonstruiert und saniert werden sollen.

Hallmann und Forner konzentrierten sich in ihrem Forschungsprojekt auf die Untersuchung des Baus von Wegen und Wasseranlagen in Gärten und Parks. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich auf 140 Jahre von 1800 bis 1940. Für den Vergleich werteten sie über 250 Quellen aus (Lehr- und Handbücher sowie Fachzeitschriften) und untersuchten deutschlandweit 21 Wegebauten und Wasseranlagen in denkmalgeschützten Garten- und Parkanlagen u.a. im Branitzer Park, auf der Pfaueninsel Berlin, im Großen Garten in Dresden, im Schlossgarten in Schwetzingen oder im Schlosspark Wilhelmshöhe in Kassel. Bis Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland keine Forschung zur originalen Material- und Baustoffverwendung im Garten- und Landschaftsbau. Erste Anfänge dazu unternahm Professor Hallmann Ende der 1980er Jahre an der TU Berlin.
Anhand des Studiums der Quellen sowie von Bauaufnahmen und gartenhistorischen Grabungen wurde es möglich, die historische Entwicklung des Wege- und Wasseranlagenbaus zu rekonstruieren. Erstmals gelingt den TU-Wissenschaftlern zum Beispiel der Nachweis, dass bereits 1864/65 bekannt war, wie Wasserbecken mit Zementmörtel und ’Betonfertigteilen’ zu bauen sind. Sie stellen fest, dass "die Bauweisen der in Gärten und Parks integrierten Wasseranlagen ihre Anregungen und Impulse teilweise aus dem landwirtschaftlich-ökonomisch erforschten Bereich des Wasserbaus" bezogen und technologische Entwicklungen im Straßenbau bei der Anlage von Fahrwegen in Gärten und Parks adaptiert wurden. Die Gartenkunst selbst beeinflusste ingenieurmäßiges Bauen. Entwickelte Entwässerungssysteme, um die Damen nach Regengüssen auf den Parkwegen trockenen Fußes lustwandeln zu lassen, fanden ihre modifizierte Anwendung auch im Straßenbau. Der technische Fortschritt veränderte zudem das Berufsbild. Das bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorherrschende Selbstverständnis des Gartenkünstlers, allein der Umsetzung ästhetischer Ideale verpflichtet zu sein, wich, zumindest bei den großen Gartenbaumeistern, zunehmend dem Anspruch und der Einsicht, die Gartenkunst mit den "funktionalen und technisch-konstruktiven Notwendigkeiten" zu verknüpfen. Kunst und Technik wurden im Gartenbau nicht mehr länger als Widerspruch begriffen.

Die untersuchten Objekte auf einen Blick:

Wegebauweisen
Pfaueninsel, Berlin
Branitzer Park, Branitz
Hofgarten, Coburg
Schlosspark Fantaisie, Donndorf
Schlosspark Wilhelmshöhe, Kassel
Johannapark, Leipzig
Neuer Garten, Potsdam
Park Babelsberg, Potsdam
Schlossgarten, Schwetzingen
Schlosspark Belvedere, Weimar
Wasserbauweisen
Carolasee, Großer Garten, Dresden
Fichtepark, Dresden-Plauen
Binsenteich im Greizer Park, Greiz
Teichanlage, Klettenbergpark, Köln
Promenadenring Leipzig Schwanenteich, Leipzig
Schlossinsel Rheinsberg
Raffelbergpark, Mühlheim a.d. Ruhr
Kreuzkanal, Schlossgarten, Schwerin
Großer Weiher, Schlossgarten, Schwetzingen
Sumpfpflanzenbecken am Römischen Haus, Weimar
Schirmteich Schlosspark Belvedere, Weimar

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern: Prof. Dipl.-Ing. Heinz W. Hallmann, TU Berlin, Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, Tel.:030/314-2 81 89, Sekretariat: 030/314-2 81 91, E-Mail: EB6@TU-Berlin.de
Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner, Tel.: 030/79 78 26 77, E-Mail: Forner@gartenpatina.de

Ramona Ehret | TU Berlin
Weitere Informationen:
http://www.tu-berlin.de/presse/pi/2003/pi288.htm

Weitere Berichte zu: Garten Park Wasseranlagen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Architektur Bauwesen:

nachricht Additive Fertigung: Bauteile völlig neu denken
02.12.2016 | Hochschule Landshut

nachricht Kombination von Isolierung und thermischer Masse
01.12.2016 | Fraunhofer Institute for Chemical Technology ICT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Architektur Bauwesen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie