Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Neuer Forschungsansatz gegen resistente Schädlinge

11.01.2011
Forscher untersuchen, wie der Wechsel der Wirtsart das Genom des Schädlings verändert. Sie erhoffen sich davon auch Fortschritte im Kampf gegen die Kraut- und Knollenfäule.

Anzeige

Von 1845 bis 1849 führte in Irland die Große Hungersnot zum Tod von einer Million Menschen und ähnlich vielen Auswanderungen. Neben den sozialen Verhältnissen waren an der Katastrophe vor allem mehrere massive Kartoffelernteausfälle schuld, verursacht durch Phytophthora infestans, den Erreger der Kraut- und Knollenfäule.


Anderthalb Jahrhunderte später ist zwar das Genom des Schädlings sequenziert, doch noch immer vernichtet der Pilz regelmäßig in Kartoffeläckern mehr als ein Fünftel der Ernte. Bei Freilandtomaten verursacht Phytophthora infestans auch heute noch totale Ernteausfälle.

Meist bekämpfen Landwirte den Schädling mit einer Mischung aus Fungiziden mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, die mehrmals in der Saison ausgebracht werden müssen. Gegen mehrere Wirkstoffgruppen, darunter Phenylamide und Carbamate, ist der Pilz bereits resistent. Seine Fähigkeit, schnell Resistenzen auszubilden, ist es auch, die bislang verhindert hat, dass Züchter eine dauerhaft gegen den Schädling widerstandsfähige Sorte entwickeln.

Jeden spezifischen Abwehrmechanismus, den Pflanzenforscher bislang der Kartoffel mitgegeben haben, hat der Pilz nach wenigen Jahren umgangen. Gegenwärtig setzen Züchter deshalb auf Sorten, die gegen Phytophthora teilresistent sind. Das bedeutet zwar auch teilweise Verluste der Ernte, reduziert durch die unspezifischen Wirkmechanismen aber das Tempo, mit dem der Pilz die Resistenz unterwandert.

Große Hoffnungen ruhen deshalb auf einem Forschungsansatz, den britische Wissenschaftler um Sophien Kamoun unlängst in Science vorgestellt haben: Sie untersuchten, wie sich das Genom von Phytophthora gewandelt hat, wenn sich durch den Wechsel der Wirtsart eine neue, eng verwandte Pilzart gebildet hat (neben P. infestans: P. ipomoeae, P. mirabilis, P. phaseoli); denn wann immer ein Schädling einen neuen Wirt befällt, spezialisiert die Evolution seine Angriffsmethoden.

Besonders viele Mutationen fanden die Forscher in Gen-armen Genomregionen, die sich durch häufige Wiederholungen kurzer Sequenzen auszeichnen. Solche Bereiche sind für ihre hohe genetische Variabilität bekannt. Wie sich herausstellte, sind die Gene in diesen Regionen größtenteils dann aktiv, wenn sich der Pilz auf einem pflanzlichen Wirt befindet – ein Hinweis darauf, dass diese Gene an der Wechselwirkung zwischen Wirt und Schädling beteiligt sind.

Das fanden die Wissenschaftler auch aufs gesamte Genom betrachtet bestätigt: Insgesamt wiesen 14,2 Prozent aller Gene Spuren einer Selektion auf. Bei den sogenannten 796 Effektorgenen aber, jenen Genen, die für die Infektion des Wirts verantwortlich sind, zeugten 300 und somit 37,7 Prozent von gerichteter Selektion. Überraschend viele Veränderungen entdeckten die Forscher zudem an Genen, die epigenetische Prozesse beeinflussen, speziell an Genen für Histon-Methyltransferasen. Diese Enzyme regulieren die Genexpression und könnten bei P. infestans das Aktivitätsmuster in den besagten Gen-armen Regionen steuern.

Die Studie belegt, dass sich das Genom eines Schädlings auf einen neuen Wirt einstellt – oder umgekehrt betrachtet, dass der Wechsel des Wirts die treibende Kraft der Evolution bei den untersuchten Phytophthora-Arten war. Die Bedeutung dieses Belegs geht jedoch weit über die Grundlagenforschung hinaus: Die Forscher haben mit ihrer Arbeit gezeigt, welche Effektorgene evolutionär besonders stabil sind, also wenig dazu neigen, sich veränderten Bedingungen anzupassen, wie sie bei neu gezüchteten Kartoffel- oder Tomatensorten vorliegen. Das macht diese Gene zu besonders viel versprechenden Zielen für die Resistenzzüchtung.

Überhaupt ist die Wechselwirkung zwischen Pflanzen und deren Schädlingen ein wichtiges Forschungsfeld geworden. Wenn Pflanzenforscher verstehen, welche Proteine des Schädlings welche Ziele in der Pflanze angreifen, oder wo umgekehrt Proteine der Pflanze Angriffsmechanismen des Schädlings blockieren, lassen sich die entsprechenden Gene gezielt aktivieren oder hemmen.

Genau diesen Ansatz verfolgt beispielsweise das GABI-Projekt PHENOME. Es untersucht, welche Gene in Gerste und Mehltau aktiv sind, wenn der Pilz die Pflanze befällt. Erhöht das An- oder Abschalten eines solchen Pflanzengens deren Resistenz, ließe sich die entsprechende Eigenschaft konventionell in Hochleistungssorten einkreuzen oder mittels Gentransformation übertragen. Gehört das relevante Gen zum Pilz, kann das Grundlage für ein Fungizid sein – oder, so der Ansatz bei GABI-PHENOME, die Gerste könnte so verändert werden, dass sie ein RNA-Molekül produziert, dass mittels Interferenz die Angreifermechanismen blockiert.

Quelle:
Genome Evolution Following Host Jumps in the Irish Potato Famine Pathogen Lineage. Sylvain Raffaele, et al. Science 330, 1540 (2010); DOI: 10.1126/science.1193070 (abstract).

Quelle: Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
www.pflanzenforschung.de/journal/aktuelles/neuer-forschungsansatz-gegen-resistente-schaedlinge

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Listening to Chickens Could Improve Poultry Production
18.05.2012 | Georgia Institute of Technology

nachricht UW Plant Breeders Develop an Even Heart-Healthier Oat
18.05.2012 | University of Wisconsin-Madison

Alle Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: "Ei am Stiel“: Seidenproteine der Florfliege erstmals biotechnologisch hergestellt


Einem Bayreuther Forschungsteam gelingt die biomimetische Herstellung von Eierstielen – mit weitreichenden Anwendungsperspektiven für die Industrie

Was am seidenen Faden hängt, ist vor Feinden sicher. Nach diesem Prinzip schützen die Florfliegen ihren Nachwuchs, wenn sie ihre Eier an selbst produzierten, hochgradig belastbaren Seidenfäden herabhängen lassen. Diese Eierstiele künstlich nachzubauen, ist jetzt erstmals einem Team um Prof. Dr. Thomas Scheibel und Dipl.-Biol. Felix Bauer an der Universität ...

Im Focus: FH Düsseldorf untersucht Methankonzentration am Leck der havarierten ELGIN-Bohrinsel in der Nordsee


Das Labor für Umweltmesstechnik der Fachhochschule Düsseldorf unter der Leitung von Prof. Dr. Konradin Weber hat zusammen mit der Dürener Firma TIB Infrared Solutions einen ausgedehnten Forschungsflug zur ELGIN-Gasbohrinsel in der Nordsee zwischen Schottland und Norwegen unternommen.

Bei der Bohrinsel war am 25. März 2012 ein Gasleck entstanden, bei dem große Mengen von Methan-Gas austraten. Aufgrund einer befürchteten Explosionsgefahr wurde daraufhin eine drei Meilen umfassende Sperrzone rings um die Bohrinsel errichtet.

Wegen der Dringlichkeit durch mögliche Umweltgefährdungen erhielten die Düsseldorfer Wissenschaftler eine Einfluggenehmigung für die Sperrzone und ...

Im Focus: Krebsen auf den Zahn gefühlt


Australische Flusskrebse besitzen einen Zahnschmelz, der dem menschlichen sehr ähnelt

Manche besonders gelungenen Entwicklungen kopiert die Natur bei sich selbst. So hat ein Team aus Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für
Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der Ben-Gurion Universität im israelischen Beer-Sheva herausgefunden, dass die Zähne des australischen Flusskrebses Cherax quadricarinatus mit einem Schmelz überzogen sind, der dem Zahnschmelz von Wirbeltieren ...

Im Focus: Lebende Fossilien der Hirnentwicklung


Göttinger Wissenschaftler rekonstruieren einen radikalen Umbau in der Evolution des Gehirns

Die Hirnarchitektur der Maus hat sich im Laufe ihrer Evolution möglicherweise kaum verändert. Wie bei den winzigen Urahnen der heutigen Säugetiere, die vor etwa 80 Millionen Jahren lebten, sind auch bei der Maus Nervenzellen in der Sehrinde in einem kleinen Hirnbereich zusammengedrängt.

Bei der Evolution größerer Gehirne ist es zu ...

Im Focus: Frühe Blüte bei lädierter biologischer Uhr


Gerste hat sich durch eine Veränderung der inneren Uhr an nördliche Anbaugebiete mit kurzen Sommern angepasst

Eine in Skandinavien verwendete Sommergerste hat Wissenschaftlern vom Max Planck Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln vom John Innes Centre in Norwich zufolge zwar eine ramponierte innere Uhr, ist aber trotzdem sehr ertragreich. Ihr Trick: Sie dämpft die biologische Zeitmessung durch eine Mutation und kann dadurch auch bei kurzem Tageslicht einen ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Künstliche Spürhunde

18.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Neues TFF-Einwegsystem für die biopharmazeutische Produktion

18.05.2012 | Messenachrichten

New technique reveals unseen information in DNA code

18.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Führende Experten der Hochleistungskeramik treffen sich in Dresden

18.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Weltweit größte jährliche Konferenz zum Zweit- und Fremdspracherwerb Deutsch an Uni Hildesheim

18.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FISITA Kongress 2012

18.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp