Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Etwas mehr oder weniger Schatten gefällig?

23.08.2011
Maispflanzen reagieren mit einem ausgeklügelten genetischen Mechanismus auf veränderte Umweltbedingungen. Als eine Reaktion auf eine stärkere gegenseitige Beschattung im Feld verändern sie ihre Wuchsform. Das Sonnenlicht wird so optimal ausgenutzt.

Anzeige

Mais in seinen heutigen Kulturformen geht auf das Wildgras Teosinte (Zea mays ssp. Parviglumis) zurück. Dieses wächst noch heute in einigen Gebieten Mexikos. In ihrem Aussehen unterscheiden sich diese beiden Pflanzen jedoch stark.


Teosinte ist ein von der Basis heraus stark verzweigtes Süßgras (Poaceae) mit kleinen Blütenständen, deren Körner aus ihren Schalen fallen sobald sie reif sind. Auf diese Weise kann Teosinte sich selbst aussäen. Maispflanzen weisen dagegen einen hohen Haupttrieb auf und besitzen große Kolben. Die Maiskörner sitzen sehr fest an einer zentralen Spindel und haben die Fähigkeit sich selbst auszusäen verloren. Die Maispflanzen sind auf die Hilfe des Menschen für die Aussaat angewiesen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich Maispflanzen vor ca. 9.000 Jahren von ihrer Urform getrennt haben. Und sie sind sich einig, dass der Mensch an der stammesgeschichtlichen Entwicklung von der Urform zu den ersten Maispflanzen maßgeblich beteiligt war. Denn nach dem Prinzip Versuch und Irrtum haben Menschen vor 5.000 bis 10.000 Jahren die ersten Pflanzen kultiviert und damit Einfluss in deren Entwicklung genommen. Die Pflanzen wuchsen durch den menschlichen Anbau dichter nebeneinander. Den einzelnen Exemplaren stand nicht mehr genügend Sonnenlicht zur Verfügung. Auf diese veränderte Umweltsituation reagierten die Pflanzen, indem sie weniger Bestockungstriebe entwickelten. So hat sich im Laufe der Jahrtausende die Maispflanze in ihrer heutigen, wenig verzweigten Form entwickelt.

Auf molekularer Ebene war bekannt, dass die unterdrückte Triebentwicklung bei Lichtmangel sowohl hormonell als auch auf genetischer Ebene gesteuert wird. Die Knospen für die unteren Seitentriebe sind auch bei den heutigen Maissorten noch angelegt. Nur treiben diese nicht aus. Wissenschaftler fanden ein Gen welchem sie dem Namen „grassy tillers 1“ (gt1) gaben. Wie der Name sagt, spielt dieses Gen bei der Bestockung der Gräser eine zentrale Rolle.

Vergleich zweier Maispflanzen: Rechts ein unveränderter Wildtyp. Links eine Pflanze, deren gt1-Gen durch Mutation seine Funktion (Wachstum der Bestockungstriebe verhindern) verloren hat. Die Pfeile deuten auf die zahlreichen Bestockungstriebe (Quelle: Cold Spring Harbor Laboratory).
Mutiert das gt1-Gen und verliert so seine Funktion, entwickeln sich auch bei den agronomisch genutzten Maispflanzen zahlreiche Bestockungstriebe. Auch zusätzliche Kolben entwickeln sich bei diesen Pflanzen. Daraus schlossen die Forscher, dass das gt1-Gen in gesunden Maispflanzen mit der unterdrückten Triebentwicklung im Zusammenhang stehen muss. Um diese Vermutung zu bestätigen, ließen die Forscher Teosinte im Labor unter schattigen Bedingungen wachsen. Erwartungsgemäß reagierten die Pflanzen auf den Lichtmangel mit einer größeren Wuchshöhe und reduziertem Wachstum der Seitentriebe. Die Analyse des gt1-Gens zeigte eine deutlich erhöhte Expression. Weitere Versuche mit normalen und mutierten Sorghumsorten - einem Getreide, welches ebenfalls zur Familie der Süßgräser gehört - bestätigten diese Ergebnisse. Die Forscher schlossen daraus, dass die Expression von gt1 bei den Gräsern über Lichtsignale kontrolliert wird.

Von einem weiteren Gen – teosinte branched1 (tb1) – ist ebenfalls bekannt, dass es das Wachstum der unteren Seitentriebe bei Maispflanzen reguliert und vor allem bei Lichtmangel aktiv ist. Die Forscher wollten in einem zweiten Schritt wissen, ob die beiden Gene gemeinsam agieren oder ab sie getrennte Wege gehen. Sie inaktivierten jeweils eines der beiden Gene und analysierten die Expression des anderen. Es zeigte sich, dass gt1 nur aktiv ist, wenn auch das tb-1-Gen aktiv ist. Im Gegensatz dazu ist tb1 auch ohne gt1 aktiv. Gt1 ist demnach an den genetischen Mechanismen maßgeblich beteiligt, scheint jedoch von der Aktivität des bt1-Gens abhängig zu sein.

Die Ergebnisse bestätigen insgesamt, dass das gt1-Gen die Entwicklung der unteren Seitentriebe der Maispflanze in Abhängigkeit vom Lichtangebot reguliert. Das Wissen um den Einfluss des gt1-Gens für die Architektur der Pflanze kann genutzt werden, den Wuchstyp von Pflanzen gezielt zu verändern. Pflanzen, die für bestimmte Standortbedingungen besser angepasst sind, aber auch Pflanzen für unterschiedliche Nutzungskonzepte können so entwickelt werden. Geht es um den Kornertrag, wären die Pflanzen mit einem zentralen Stengel von Vorteil. Soll jedoch möglichst viel Biomasse, z.B. für die Biogaserzeugung oder als Grünfutter für die Tierhaltung, auf dem Acker erzeugt werden, könnte ein buschiger Wuchstyp von Vorteil sein.

Quelle:
Clinton J. Whipple et al. (2011). “grassy tillers1 promotes apical dominance in maize and response to shade signales in the grass”. PNAS Early Edition, 1 – 7, doi: 10.1073/pnas.1102819108

Clinton J. Whipple et al. | Quelle: Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
www.pflanzenforschung.de/journal/aktuelles/etwas-mehr-oder-weniger-schatten-gefaellig?piwik_campaign=newsletter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Frühe Blüte bei lädierter biologischer Uhr
16.05.2012 | Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung

nachricht Bt-Mais stört Symbiose mit Mykorrhiza
16.05.2012 | Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Krebsen auf den Zahn gefühlt


Australische Flusskrebse besitzen einen Zahnschmelz, der dem menschlichen sehr ähnelt

Manche besonders gelungenen Entwicklungen kopiert die Natur bei sich selbst. So hat ein Team aus Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und der Ben-Gurion Universität im israelischen Beer-Sheva herausgefunden, dass die Zähne des australischen Flusskrebses Cherax quadricarinatus mit einem Schmelz überzogen sind, der dem Zahnschmelz von Wirbeltieren ...

Im Focus: Lebende Fossilien der Hirnentwicklung


Göttinger Wissenschaftler rekonstruieren einen radikalen Umbau in der Evolution des Gehirns

Die Hirnarchitektur der Maus hat sich im Laufe ihrer Evolution möglicherweise kaum verändert. Wie bei den winzigen Urahnen der heutigen Säugetiere, die vor etwa 80 Millionen Jahren lebten, sind auch bei der Maus Nervenzellen in der Sehrinde in einem kleinen Hirnbereich zusammengedrängt.

Bei der Evolution größerer Gehirne ist es zu ...

Im Focus: Frühe Blüte bei lädierter biologischer Uhr


Gerste hat sich durch eine Veränderung der inneren Uhr an nördliche Anbaugebiete mit kurzen Sommern angepasst

Eine in Skandinavien verwendete Sommergerste hat Wissenschaftlern vom Max Planck Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln vom John Innes Centre in Norwich zufolge zwar eine ramponierte innere Uhr, ist aber trotzdem sehr ertragreich. Ihr Trick: Sie dämpft die biologische Zeitmessung durch eine Mutation und kann dadurch auch bei kurzem Tageslicht einen ...

Im Focus: Neue Details der Genregulation aufgeklärt


Der Transkriptionsfaktor P-TEFb reguliert RNA-Polymerase nach einem unerwarteten Muster

Wird genetische Information von der Erbsubstanz DNA abgelesen, übersetzt die RNA-Polymerase II sie in RNA-Moleküle. Ein wichtiger Bereich des Polymerase-Moleküls ist die C-terminale Domäne, kurz CTD. Sie übermittelt der Polymerase Informationen darüber, wie der genetische Code abgeschrieben und weiter verarbeitet werden soll. Dazu heftet das Enzym P-TEFb molekulare Botschaften in ...

Im Focus: Futter für das Schwarze Loch


Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Gerd Weigelt vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn berichtet über die Erforschung eines aktiven Galaxienkerns.

Nahinfrarot-Interferometrie ermöglichte es dem Team, eine ring-förmige Ansammlung von Staub, einen sogenannten "Staubtorus", in der inneren Region des Kerns der Galaxie NGC 3783 aufzulösen. Mit dieser Messtechnik erreicht man eine Winkelauflösung, die so gut ist wie die Auflösung eines Riesenteleskops mit 130 Metern Spiegeldurchmesser. Der aufgelöste Staubtorus bildet wahrscheinlich das ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Downsizing erhöht Marktdurchdringung von Ottomotoren

16.05.2012 | Studien Analysen

Krebsen auf den Zahn gefühlt

16.05.2012 | Materialwissenschaften

New 'metamaterial' practical for optical advances

16.05.2012 | Materialwissenschaften

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Mikrotechnik trifft Medizin – auf der 9. MST-Regionalkonferenz NRW in Dortmund

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Soziale Kettenreaktionen und ihre digitale Spuren

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Die Ausbreitung von Stress

16.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp