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Reisanbau auf zwanzig Etagen

13.07.2010
Wegen hoher Landpreise: Uni entwickelt Gewächs-Hochhäuser

Reis wird in Zukunft nicht mehr nur auf überfluteten Feldern wachsen, sondern auch in bis zu 50 Meter hohen Gewächshäusern. Diese Vision des "Skyfarming" verfolgen Agrarforscher der Universität Hohenheim. Vorige Woche luden sie Experten aller relevanten Fachrichtungen ein, um Chancen einer Verwirklichung und nötige Schritte bis dorthin zu diskutieren. "Niemand äußerte grundsätzliche Bedenken gegen das Vorhaben oder bezeichnete es als völlige Illusion", erklärt der Agrarökologe Jörn Germer, einer der Veranstalter, im pressetext-Interview.

Reis wächst am Laufband

Ein Hintergrund der Idee sind steigende Landpreise. "Insbesondere in Afrika werden große landwirtschaftliche Flächen aggressiv aufgekauft. Die Böden versalzen und die Bevölkerung wächst", so Germer. Zudem belastet die Landwirtschaft Umwelt und Klima in hohem Maße. So entstehen etwa bei der Reisproduktion enorme Mengen des aggressiven Treibhausgases Methan, da die Überflutung der Felder anaerobe Bedingungen schafft und Gärungsprozesse auslöst. Weltweit braucht Reis derzeit jährlich 700 Mio. Tonnen Frischwasser auf einer Anbaufläche von 157 Mio. Hektar.

Diese Probleme nimmt Skyfarming mit Gewächshochhäusern in Angriff. Für Reis sieht es ein Transportband vor, in dessen kleinen Öffnungen keimfreie Reissämlinge wachsen. Unterhalb des Bandes sprießen die Wurzeln in einem Dunkelraum und werden dort im Sekundentakt mit optimaler Nährlösung besprüht. In 120 Tagen wandert die Pflanze mit dem Band durch alle Etagen und kann dann geerntet werden. Ein geschlossener Kreislauf soll Wasser- oder Nährstoffverluste minimieren, und selbst Krankheiten und Schädlingen glaubt man ohne Pestizide vermeiden zu können. Reis braucht zum Wachsen 1,50 Meter Lichtraum und einen Meter Wurzelraum. Bei 20 Etagen, die die Forscher anpeilen, wäre das eine geschätzte Gesamthöhe von 50 Meter.

100-facher Ertrag in der Luft

Neu ist die Idee nicht, doch widmeten sich ihr bisher bloß Architekten und Städteplaner, deren Prototypen wegen einseitiger Ausrichtung scheiterten. "Man konzentrierte sich etwa auf Edelprodukte, vernachlässigte Bedürfnisse der Pflanzen oder baute mehrere Sorten gleichzeitig im geschlossenen System an", berichtet Germer. Sorgfältig geplant, könnten Grundnahrungsmittel wie Reis, Früchte oder Algen jedoch in Gewächs-Hochhäusern jedoch durchaus die bis zu 100-fache Ertragsmenge von derselben Fläche heute liefern.

Es kann funktionieren, wenn wichtige Fragen gelöst werden, so das Resümee der Experten bei der Veranstaltung. Dazu gehört die Lichtproblematik. "Nährstoffe und Wasser sind bei mehrstöckigem Anbau relativ problemlos transportierbar, die Lichtversorgung und -nutzung braucht jedoch neue technische Lösungen wie etwa LED", erklärt Germer. Weiters seien durchaus auch negative ökologische Wirkungen zu erwarten, weshalb das Skyfarming den gesamten Zyklus der Pflanzen und Ressourcen zu berücksichtigen habe.

Auf die Vision kommt es an

Schärfer formulieren müssen die Forscher das Ziel der Vision. "Ziel ist entweder, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern und damit die Welt besser zu ernähren, oder der Wegfall von Transportkosten durch Produktion in Stadtnähe. Auch die lebenswertere Gestaltung von Städten kann angestrebt werden. Jedes Ziel braucht aber andere Strategien", so der Hohenheimer Ökologe. Die Vision sei mit anderen wichtigen Erfindungen vergleichbar. "Menschen vor 500 Jahren hätten sich ebenfalls an den Kopf gegriffen, sagte man ihnen, dass wir heute im Flugzeug den Atlantik überqueren. Visionäre gaben trotz oftmaligem Scheitern nicht auf und machten es zur Realität."

Johannes Pernsteiner | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

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