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Passen Hungerbekämpfung und Schutz der Artenvielfalt zusammen?

04.06.2012
Göttinger Agrarökologen suchen nach tragfähigen ökologisch-ökonomischen Kompromissen

Agrarökologen der Universität Göttingen und aus den USA erklären in einer aktuellen Studie, wieso eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und eine Intensivierung der Landwirtschaft in Europa nicht unbedingt zu einer Verringerung des Hungers in der Welt beitragen muss.


Erdnussernte aus dem Hausgarten, Sulawesi (Indonesien). Foto: Universität Göttingen


Gemüseverkauf auf einem Markt in Palu, Sulawesi (Indonesien). Foto: Universität Göttingen

Laut der Welternährungsorganisation FAO hungern weltweit fast eine Milliarde Menschen, außerdem soll die Bevölkerungszahl in den kommenden Jahrzehnten von derzeit sieben auf neun Milliarden Menschen steigen. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist eine Produktionssteigerung nicht die im Vordergrund stehende Lösung für das Hungerproblem, da schon die jetzige Produktion für die weltweite Ernährungssicherung ausreichen würde, wenn sie auch den Hungernden zur Verfügung stünde. Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift Biological Conservation erschienen.

„Das Rückgrat der weltweiten Hungerbekämpfung ist die Nahrungsmittelproduktion der Kleinbauern vor Ort“, sagt Agrarökologe Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Göttingen. Die derzeitige Nutzung der Nahrung ist zudem wenig effektiv: Ein Drittel verdirbt und ein weiteres Drittel wird für die Tierproduktion verwendet, bei der für eine Kalorie Fleisch im Mittel sieben Kalorien Futtermittel benötigt werden. Weiterhin ist eine konventionelle Intensivierung der Landwirtschaft mit erheblichen Umweltschäden verbunden.
Weltweit zeichnet die Landwirtschaft für ein Drittel der klimaschädlichen Gase verantwortlich sowie für Stickstoffverluste, die allein in der Europäischen Union (EU) jährlich Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe verursachen. Außerdem hängt eine nachhaltige Produktion auch von der Biodiversität auf dem Acker ab, da diese einen ökonomisch wichtigen Beitrag leistet, die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, die Bestäubung von Nutzpflanzen zu sichern und Schädlinge in Schach zu halten. Die EU hat dazu eine Strategie beschlossen, wie das Artensterben reduziert werden kann.

„Die Bekämpfung des weltweiten Hungers bei gleichzeitigem Schutz der Artenvielfalt ist somit eine komplexe Herausforderung. Der aktuell viel diskutierte Vorschlag, Naturschutz auf Reservate zu beschränken, um großräumig die Produktion intensivieren zu können, ist für mich nicht überzeugend“, sagt Prof. Tscharntke. „Vielmehr bedarf es gemeinsamer Anstrengungen in Wissenschaft und Politik, die auf die Hungerbekämpfung vor Ort direkt ausgerichtet sind und soziale, ökonomische und ökologische Ideen zusammenführen.“

Originalveröffentlichung: Teja Tscharntke et al. (2012): Global food security, biodiversity conservation and the future of agricultural intensification. Biological Conservation (DOI: 10.1016/j.biocon.2012.01.068) (published online)

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Teja Tscharntke
Georg-August-Universität Göttingen – Fakultät für Agrarwissenschaften
Department für Nutzpflanzenwissenschaften, Abteilung Agrarökologie
Grisebachstraße 6, 37077 Göttingen, Telefon (0551) 39-9205, Fax (0551) 39-8806
E-Mail: ttschar@gwdg.de

Thomas Richter | idw
Weitere Informationen:
http://www.gwdg.de
http://www.agroecology.uni-goettingen.de/

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