Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

No Risk, no Food?

29.07.2014

Mindestens zehn Prozent mehr Ertrag auf unseren Feldern versprechen Neonicotinoide. Dennoch hat die EU-Kommission den Einsatz dieser weltweit häufigsten Insektenbekämpfungsmittel für zwei Jahre ausgesetzt.

Denn sie stehen unter dringendem Verdacht, hauptverantwortlich für das weltweite Bienensterben und vieler weiterer ökologischer Schäden zu sein. Das Moratorium gefährde die Nahrungsmittelsicherheit sagen Kritiker. Aktuelle Studien, allen voran ein Report unter Leitung der Weltnaturschutzorganisation IUCN, beweisen jedoch das Gegenteil: Der Einsatz dieser Insektizide ist sowohl aus ökologischer als auch ökonomischer Sicht unsinnig.


Der Einsatz von Neonicotinoiden: Eine Garantie für Nahrungsmittelsicherheit oder ökologisch und ökonomisch unsinnig? A. Künzelmann/UFZ


Die Studie der IUCN-Arbeitsgruppe belegt: Neonicotinoide sind ausgesprochen schädlich für Honigbienen, dem drittwichtigsten Nutztier der Menschheit. M.Dumat/pixelio

„Auch wenn man es rein gesamtwirtschaftlich betrachtet, ist die Rechnung fragwürdig“, so Matthias Liess, Ökotoxikologe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Denn Honigbienen sind das drittwichtigste Nutztier der Menschheit.“

Der ökonomische Gesamtwert allein für die Bestäubungsleistung durch Honigbienen wird für Europa auf 15 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Mehr als ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen ab - von Äpfeln über Zwiebeln bis hin zu Gurken.

Dieser Wert ist damit fünfmal höher als der im Auftrag von Syngenta und Bayer ermittelte wirtschaftliche Nutzen der bienengefährlichen Neonicotinoide. Davon noch nicht abgezogen sind die Kosten, die der Gesellschaft durch verunreinigte Gewässer oder den Verlust von Biodiversität und vieler Nützlinge entstehen. „Neonicotinoide sind damit nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch unsinnig“, so Liess.

Der Ökotoxikologe ist Mitglied der IUCN-Arbeitsgruppe, die über vier Jahre 800 in hochrangigen Wissenschaftsmagazinen wie Science veröffentlichte Einzelstudien zum Einfluss von Neonicotinoiden auf die Umwelt auswertete. Mit eindeutigem Ergebnis: Neonicotinoide sind nicht nur ausgesprochen schädlich für Honigbienen und andere sogenannte „Nicht-Zielorganismen“.

Sie bleiben auch nicht, wie vorgesehen, nur im Boden. „Stattdessen werden sie in die Gewässer gespült, möglicherweise bis ins Grundwasser, und richten dort weiteren ökologischen Schaden an“, erklärt Liess. Denn als sogenannte systemische Insektizide werden sie nicht nur im Falle einer Schädlingsinvasion gezielt eingesetzt. Vielmehr wird schon das Saatgut mit den Wirkstoffen behandelt, sodass sie sich von der Wurzel bis in die Pollen in der ganzen Pflanze verteilen. Was für einen besonders effektiven Schutz gegenüber Insektenbefall gedacht ist, bewirkt, dass jedes Tier die Stoffe aufnimmt, sobald es an der Pflanze knabbert.

„Ein Verbot der Neonicotinoide bedeutet einen Verlust von mindestens zehn Prozent auf unseren Feldern. Ein echtes Risiko für die Nahrungsmittelsicherheit“, hält Harald von Witzke dagegen. „Bis 2050 wird sich der Bedarf an Nahrungsmitteln weltweit verdoppeln. Diesen können wir nur mit Neonicotinoiden decken.“

Von Witzke ist Agrarökonom und Mitglied des Humboldt Forum for Food and Agriculture (HFFA), das in einem Bericht den Wert von Neonicotinoiden untersucht hat. Schon jetzt würde die EU große Mengen an Nahrungsmitteln importieren. Er könne daher angesichts der vielen, durch die HFFA-Studie nachgewiesenen Vorteile nicht nachvollziehen, dass die EU-Kommission den Neonicotinoiden eine solche Galgenfrist setzt.

„Das Pikante an der Studie des Humboldt Forums ist, dass sie von den beiden Hauptproduzenten für Neonicotinoide, Bayer und Syngenta, in Auftrag gegeben wurde“, so Ökotoxikologe Liess. „Damit müssen die Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden.“ Das sei so ähnlich, als würde die Tabakindustrie eine Studie in Auftrag geben, die die Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit untersucht.

„Auch das Hauptargument der Befürworter, die Nahrungsmittelsicherheit, ist viel zu kurz gedacht“, so Ökotoxikologe Liess. „Laut Welternährungsorganisation FAO landen jedes Jahr weltweit ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Hier liegt das drängende Problem, nicht in zu geringen Erträgen.“

Auch hinsichtlich der EU-Importe von Nahrungsmitteln müsse man hinter die Zahlen schauen. Denn die EU führt nicht nur Nahrungsmittel ein, sondern exportiert diese auch in ähnlich großem Umfang - vor allem Getreide, Milch und Fleisch. Zudem gäbe es umweltverträglichere Pflanzenschutzmittel, die auch für hohe Erträge sorgen.

Letztendlich hofft Liess daher auf ausgewogene, nicht von einseitigen Interessen geleitete Erkenntnisse zu den Risiken dieser Stoffe und eine entsprechende Reaktion der EU-Kommission darauf. „Das Beispiel DDT hat es gezeigt: Hier wurde auch durch Beobachten der Umwelt festgestellt, dass dieses Insektizid derart umweltschädliche Auswirkungen hatte, dass es in den 1970er Jahren in großen Teilen der Welt verboten wurde“, so Liess. „Deutlich wurde es den Menschen aber auch damals erst, als in den USA der Weißkopfseeadler durch DDT auszusterben drohte.“

Lesen Sie den vollständigen Artikel hier: http://www.biodiversity.de/index.php/fuer-presse-medien/top-themen-biodiversitae...

Ansprechpartnerin:

Verena Müller
NeFo-Pressereferentin
Telefon: +49 341 235 1062 / Mobil: 0176 631 651 35
E-Mail: verena.mueller@ufz.de
Web: http://www.biodiversity.de

Weitere aktuelle Meldungen aus der Biodiversitätsforschung finden Sie auch unter: http://www.biodiversity.de/index.php/fuer-presse-medien/top-themen-biodiversitae...

Verena Müller | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Klimawandel – die Tanne sticht Fichte und Buche aus
10.08.2017 | Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

nachricht Feuerbrand bekämpfen und Salmonellen nachweisen
14.06.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Körperenergie als Stromquelle

22.08.2017 | Energie und Elektrotechnik

Ein Quantenlineal für Biomoleküle

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Prostatakrebs: Bluttest sagt Tumorresistenz vorher

22.08.2017 | Biowissenschaften Chemie