Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Befall mit gefährlichem Asiatischen Laubholzbockkäfer in Bayern und Sachsen-Anhalt

24.09.2014

Augen verschließen ist keine Lösung bei Quarantäneschädlingen warnen Wissenschaftler auf der Deutschen Pflanzenschutztagung in Freiburg

Menschen nehmen Gefahren manches Mal zu stark, in anderen Fällen kaum wahr. Bei Schädlingen und Krankheiten an Pflanzen, die infolge des enormen Welthandels nach Europa bzw. Deutschland eingeschleppt werden können, ist die öffentliche Wahrnehmung meist gering und dementsprechend auch das Bewusstsein für das Gefahrenpotenzial. Selbst Experten würden manches Mal gerne die Augen verschließen.

„Die Zahl neuer Schadorganismen an Bäumen in der EU ist groß“, warnt Dr. Thomas Schröder vom Julius Kühn-Institut (JKI) auf der diesjährigen 59. Deutschen Pflanzenschutztagung in Freiburg. „Die Invasiven, wie sie genannt werden, haben hier keine oder kaum natürliche Feinde. Sie können unsere Umwelt stark verändern und ein einziger davon kann nur hier in Deutschland derzeit Schäden in Milliardenhöhe anrichten, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.“

Besonders im Fokus steht derzeit der Asiatische Laubholzbockkäfer (ALB), der Ende August 2014 erstmals in Sachsen-Anhalt mitten in Magdeburg entdeckt wurde. Die Larven können auch im Holz vieler hier heimischer Laubbäume leben und die Bäume zum Absterben bringen.

Seinen Weg aus China in viele Länder der Erde schafft er immer wieder mit billigem Verpackungsholz vor allem mit Granitlieferungen. Die derzeitige Maßnahme in Magdeburg: Sämtliche Wirtsbäume in einem Umkreis von 100 Metern müssen gerodet und verbrannt werden. Danach muss eine Sicherheitszone eingerichtet werden, die aufwändig über Jahre kontrolliert wird. Das Gleiche gilt ebenfalls für eine erneute Entdeckung in Bayern vor wenigen Tagen in Neubiberg südlich von München.

Diese Quarantänemaßnahmen finden in der breiten Öffentlichkeit nicht immer Anklang.

Dass frühzeitige und konsequent umgesetzte Maßnahmen sinnvoll und ökonomisch von Vorteil sind, zeigt eine Bewertung des Julius Kühn-Instituts zusammen mit der Humboldt-Universität Berlin. Hier wurden die aufwändigen Quarantänemaßnahmen anhand der Situation in der Nähe von Bonn mit einer ungehinderten Ausbreitung des ALBs ökonomisch verglichen. Der ALB trat in Bonn bisher von 2008 bis 2012 mehrfach auf und führte zu der größten Vernichtungsaktion von Bäumen in NRW. „Jetzt kontrollieren 10 speziell ausgebildete Personen über das ganze Jahr die derzeit 3.000 ha große Quarantänezone“, so Reiner Schrage vom Pflanzenschutzdienst Nordrhein-Westfalen in Bonn.

Dass diese Maßnahmen wirken können, zeigen Erfolge in New York und Toronto/Kanada sowie beim Citrusbockkäfer, einem nahen Verwandten des ALBs. Neben der Gefahr des Imports kommt der Käfer inzwischen aufgrund von NICHT-Maßnahmen in einem Gebiet von ca. 40.000 ha um Mailand in Italien vor. Andere Ausbrüche in Europa, die sofort erkannt wurden, konnten bisher ausgerottet werden. Aber die Lage bleibt kritisch und man sollte die Augen auf keinen Fall verschließen, warnen die Experten.

Aktuell gelten EU-weit bei Bäumen strenge Quarantänevorschriften bzw. Notmaßnahmen beim Kiefernholznematoden Bursaphelenchus xylophilus, Asiatischen Citrusholzbockkäfer CLB Anoplophora chinensis, der Esskastaniengallwespe Dryocosmus kuriphilus und den Schaderregern Fusarium circinatum und Phytophthora ramorum, falls einer dieser fünf in einem Land der EU auftaucht. An einem erneuten Notmaßnahmenbeschluss gegen den ALB, der dann für alle Mitgliedstaaten gilt, wird derzeit bei der EU-Kommission gearbeitet.

2013 gaben 25 Mitgliedstaaten 222 Meldungen zu Schadorganismen (nicht nur im Forst) ab, berichtet Katrin Kaminski vom JKI, was ungefähr der Zahl der Meldungen der Vorjahre entspricht. Etwa ein Viertel davon betraf bis dato nicht gelistete, neu aufgetretene Schadorganismen, für die die Europäische und Mediterrane Pflanzenschutzorganisation EPPO gesetzliche Regelungen empfiehlt.

Hintergrundinformationen zu aktuell geregelten Forstquarantäne-Schaderregern, die auch für Deutschland eine Gefahr darstellen:

Kiefernholznematoden (B. xylophilus): Das Befallsgebiet in Portugal sowie der Insel Madeira weitet sich aus. Während in Spanien drei der Ausbrüche mit lediglich befallenen Einzelbäumen ausgerottet erscheinen, gab es 2013 einen Befall ca. 30 km östlich der portugiesischen Grenze in der Region Salamanca, für den ein ca. 2 km2 großes Befallsgebiet ausgewiesen wurde. Die Ausrottungsmaßnahmen, einschließlich der vorsorglichen Fällung der Wirtspflanzen in einem 500-Meter-Radius um den Befall, dauern an.´

Nach wie vor existiert in Italien in der Gegend um Mailand der ca. 40.000 ha umfassende Ausbruch des Citrusbockkäfers (A. chinensis, CLB). Alle anderen Auftreten in EU-Mitgliedstaaten konnten getilgt werden. Aus den vielen Einzelfunden der Jahre 2008 – 2014 hat sich bisher kein Auftreten abgeleitet.

Beim Asiatischen Laubholzbockkäfer (A. glabripennis, ALB) gab es vermehrt neue Freilandauftreten. So sind in Deutschland derzeit fünf Befallsgebiete bekannt und in der gesamten EU einschließlich der Schweiz 18.

Japanische Esskastaniengallwespe (D. kuriphilus): 2013 befallene Bäume in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen sowie 2014 in Rheinland-Pfalz. Die Gallwespe ist inzwischen über ganz Italien verbreitet. In anderen Mitgliedstaaten trat er ebenfalls auf. Da eine Ausrottung nicht mehr möglich erscheint und auch eine natürliche Ausbreitung nicht aufzuhalten ist, wurden die Notmaßnahmen der EU bis auf Regeln für ausgewiesene Schutzgebiete im Jahr 2014 aufgehoben.

Der Schadpilz Fusarium circinatum ist nach wie vor in Baumschulen und im Freiland Spaniens aktiv. In einigen Gebieten war eine Ausrottung möglich, in anderen Gebieten gab es neue Ausbrüche, so dass derzeit 9 Baumschulen betroffen sind und 7 Befallsgebiete ausgewiesen wurden. Auch in Portugal wurden neue Befallsherde in Baumschulen festgestellt.

Phytophthora ramorum wurde im Jahr 2013 in 17 EU-Mitgliedstaaten und der Schweiz nachgewiesen, wobei 94 % aller Ausbrüche aus Großbritannien gemeldet wurden. Nach wie vor sind dabei Rhododendren die Hauptwirtspflanzen. In Deutschland wurde P. ramorum einmal in Niedersachsen im Öffentlichen Grün und einmal an verwilderten Rhododendren in einem Waldstück in Schleswig-Holstein gefunden. In zwei Bundesländern wurden zugekaufte Pflanzen positiv getestet. Damit ist festzustellen, dass der Befall mit P. ramorum in Deutschland sowohl bezüglich der Anzahl der betroffenen Bundesländer als auch der Anzahl der Einzelfunde in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen ist.

Kurzfassung der Vorträge und Poster zum Thema im Tagungsband zur 59. Deutschen Pflanzenschutztagung erschienen im Julius-Kühn-Archiv, Band 447, 2014 http://pub.jki.bund.de/index.php/JKA/:

S. 203, Vortrag 20-7: Aktuelle Situation forstlicher Quarantäneschadorganismen in Deutschland und der EU

S. 214, Vortrag 22-3: Anoplophora glabripennis in Nordrhein-Westfalen – Situation nach 9 Jahren Bekämpfungsmaßnahmen

S. 214, Vortrag 22-4: Ökonomische Auswirkungen des Befalls durch den Asiatischen Laubholzbockkäfer, Anoplophora glabripennis, in der Stadt Bonn

S. 215 Vortrag 22-5: Der Einsatz von Geographischen Informationssystemen (GIS) in der Pflanzengesundheit

S. 591, Poster 236: Meldungen von neuen Schadorganismen aus Mitgliedstaaten der EU

S. 600, Poster 246: Erste Freilandnachweise der Esskastaniengallwespe Dryocosmus kuriphilus und ihre aktuelle Verbreitung in Baden-Württemberg

S. 601, Poster 247: Der Asiatische Laubholzbock (Anoplophora glabripennis) in Weil am Rhein, Baden-Württemberg

Weitere Informationen:

http://www.pflanzenschutztagung.de/ - Tagungswebseite
http://pub.jki.bund.de/index.php/JKA/ - Tagungsband mit Abstracts

Dr. Gerlinde Nachtigall | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Getreide, das der Dürre trotzt
19.09.2017 | Universität Wien

nachricht BMEL verstärkt Maßnahmen im Kampf gegen das Eschentriebsterben
11.09.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie