Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nachhaltigkeit statt Romantik: 80 Prozent der Deutschen befürworten die Nutzung des Waldes

16.06.2009
Verklärt durch die siegreiche Schlacht der Germanen gegen die Römer im Teutoburger Wald, beeindruckt vom Märchenwald der Gebrüder Grimm, verzaubert von den Landschaftsbildern des Malers Caspar David Friedrich - so romantisch und mythisch sehen die Deutschen ihren Wald. Zumindest nahm man das bisher an. Doch diese Sicht ist längst nicht so weit verbreitet. Das belegen Ergebnisse aus dem Verbundprojekt "Mensch und Wald", das über drei Jahre vom Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert wurde.

Für die Analyse nutzten die Forscher/innen das Lebenswelt-Modell der sozialen Milieus des Instituts Sinus Sociovision Heidelberg. "Das Modell ermöglicht eine nach sozialem Status, Werten und Lebensstilen differenzierte Sicht auf die Einstellungen zu Wald, Forstwirtschaft und Holz", erläutert Peter Neitzke, der als Geschäftsführer des Hannoveraner Ecolog-Institutes zugleich Leiter des Forschungsverbundes war.

Nach der Befragung von 3756 Personen stand für Kulturwissenschaftlerin Silke Kleinhückelkotten vom Ecolog-Institut fest: "Das romantische Bild vom Wald, diese emotionale Nähe, ist nicht überall in der Gesellschaft so verhaftet wie bisher angenommen." Die Studie räumt zudem mit den Klischees vom Waldbewusstsein der Deutschen auf. Wer dachte, dass in dem Land, in dem Anfang der 1980er Jahre der Begriff des Waldsterbens geprägt wurde, das Wissen um ökologische Funktionen des Waldes weit verbreitet ist, der irrt. Dass Bäume Sauerstoff liefern, Luft filtern oder Tier- und Pflanzenarten beherbergen, ist nur einem Drittel der Befragten bekannt. Noch weniger geläufig ist die Rolle, die der Wald für Wasserhaushalt, Klima und Bodenschutz hat. Weitgehend unbekannt ist, welche Arbeit der Förster im Wald tatsächlich leistet: 78 Prozent der Befragten gaben an, nur wenig über die Forstwirtschaft zu wissen. "Die Forstwirtschaft ist von der Lebenswelt der meisten Menschen weit weg", analysiert Kleinhückelkotten.

Allerdings dokumentieren die Forschungsergebnisse auch, dass die Forstwirtschaft keinen schlechten Ruf hat: In der Person des Försters sehen fast 90 Prozent der Befragten den traditionellen Hüter des Waldes. Deutlich mehr als 80 Prozent haben kein Problem damit, den Wald wirtschaftlich zu nutzen. Voraussetzung: Es darf nicht mehr Holz entnommen werden als nachwächst. Immerhin 69 Prozent attestieren der Forstwirtschaft, dass in den Wäldern heute ökologischer als vor zehn Jahren gearbeitet wird. Nachvollziehbar wird damit das positive Image von Holz.

Die unterschiedlichen Einstellungen der sozialen Milieus stellen für alle, die das Thema Wald und Holz oder das Leitbild der nachhaltigen Waldwirtschaft bekannt machen wollen, eine Herausforderung dar. Denn: Wer soll eigentlich die Zielgruppe für die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit sein? Das Problem: "Mit dem Standardprogramm wie Führungen, Ausstellungen oder Infomaterialien werden die immer gleichen Naturinteressierten, die Waldromantiker und die Waldfreunde, erreicht", stellt Neitzke fest.

Um erfolgreich in einer Landesforstverwaltung, einem Forstamt oder einer waldpädagogischen Einrichtung Bildungsarbeit zu leisten, ist deshalb eine Analyse nötig, welche Zielgruppen angesprochen werden sollen. Es kann durchaus ein Ziel sein, sich ausdrücklich an die gesellschaftlichen Leitmilieus zu wenden. Wesentlich ist es aber, dass für die jeweilige Zielgruppe geeignete Kommunikationskanäle genutzt werden. Kleinhückelkotten: "Die Angebote müssen den Erwartungen der Zielgruppen gerecht werden."

Wie schwierig ein konzeptionelles Vorgehen in der forstlichen Umweltkommunikation ist, zeigt der BMBF-Verbund "Waldwissen" der Universitäten Lüneburg und Freiburg. "Die forstliche Umweltbildung liegt in einem konfliktträchtigen Spannungsfeld", sagt Biologin Christine Katz, die das drei Jahre dauernde Projekt leitete. Auf der einen Seite wurde infolge der Forstreformen die Verwaltung umgebaut, Aufgaben gebündelt und Stellen verschoben. Langfristig, so prognostiziert Katz, sei eher von einer sukzessiven personellen Austrocknung auszugehen, da sich die waldbezogene Umweltbildungsarbeit betriebswirtschaftlich nicht rechne. Auf der anderen Seite mangelt es der waldbezogenen Umweltbildung an einer konsequenten organisatorischen Zuordnung in den Bundesländern. Schon häufen sich die Klagen: Vielen Umweltbildnern/innen werde über geringere Bezahlung, ungenügende Karrieremöglichkeiten, niedrigere Wertschätzung innerhalb des Forstapparats und mickrige Personalausstattung vermittelt, dass ihre Tätigkeit im Vergleich zu anderen weniger wert sei.

Eine Professionalisierung der forstlichen Umweltbildung tut deshalb Not. Was Forscherin Katz in der Diskussion aber vor allem vermisst, ist ein klares Bekenntnis der Politik. "Die Politik muss den gesellschaftlichen Auftrag des Forstes genauer benennen: Soll der Forst Öffentlichkeitsarbeit machen oder soll er moderne Bildungsarbeit im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung leisten?" Die Frage bleibt unbeantwortet, noch. Die Wertschätzung der meisten Deutschen für den Wald dürfte die andauernde Diskussion aber nicht schmälern. Für 93 Prozent von ihnen gehören laut der oben zitierten Umfrage Wald und Natur zu einem guten Leben einfach dazu.

Die Forschungsverbünde "Mensch & Wald - Social Marketing und Bildung für eine nachhaltige Waldwirtschaft" sowie "Waldwissen und Naturerfahrungen auf dem Prüfstand" gehören als zwei von 25 Verbundprojekten zum Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Das BMBF finanziert den Förderschwerpunkt im Zeitraum 2004 bis 2009 mit rund 30 Millionen Euro. Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ist die Wissenschaftliche Begleitung und Koordinierung des Förderschwerpunktes angesiedelt. Aufgabe der Wissenschaftlichen Begleitung ist es, auf nationaler und europäischer Ebene ein Netzwerk für Wissenschaft und Praxis zu schaffen und zu koordinieren; von hier aus wird auch die Öffentlichkeitsarbeit für den Förderschwerpunkt gesteuert. In seiner Gesamtheit befasst sich der Förderschwerpunkt vor allem mit drei Fragestellungen: Wie kann die Wertschöpfungskette Forst-Holz sowohl gewinnorientiert als auch ökologisch verträglich und sozial gerecht optimiert werden? Wie können Waldlandschaften so genutzt werden, dass die Lebensqualität der Menschen verbessert wird und gleichzeitig die Ressourcen langfristig gewährleistet sind? Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Benjamin Haerdle

Links:
Das vollständige Laborgespräch ist auf der Website des Förderschwerpunktes nachzulesen:

http://www.nachhaltige-waldwirtschaft.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/Laborgesp...

Weitere Informationen:
Daniela Weber
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1791
E-Mail: daniela.weber@ufz.de
Dr. Silke Kleinhückelkotten
ECOLOG-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung gGmbH
Nieschlagstr. 26, 30449 Hannover
Tel.: 0511-473915-13
E-Mail: silke.kleinhueckelkotten@ecolog-institut.de
oder über:
Doris Böhme / Tilo Arnhold
Pressestelle Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1269
E-Mail: presse@ufz.de
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/index.php?de=18267 - Pressemitteilung
http://www.nachhaltige-waldwirtschaft.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/Laborgesp... - Laborgespräch 08
http://www.nachhaltige-waldwirtschaft.de/ - BMBF-Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft"
http://www.menschwald.de/ - Forschungsverbund "Mensch & Wald"
http://www.wa-gen.de - Forschungsverbund "Waldwissen"

Tilo Arnhold | idw
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Acht europäische Länder im Kampf gegen den Asiatischen Laubholzbockkäfer
06.01.2017 | Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

nachricht Kleinbauern in Afrika: Clevere Milchkühlung – dank Solar auch ohne Stromanschluss
02.01.2017 | Universität Hohenheim

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Im Focus: Studying fundamental particles in materials

Laser-driving of semimetals allows creating novel quasiparticle states within condensed matter systems and switching between different states on ultrafast time scales

Studying properties of fundamental particles in condensed matter systems is a promising approach to quantum field theory. Quasiparticles offer the opportunity...

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Intelligente Haustechnik hört auf „LISTEN“

17.01.2017 | Architektur Bauwesen

Satellitengestützte Lasermesstechnik gegen den Klimawandel

17.01.2017 | Maschinenbau