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Lebensgrundlagen der Zukunft: EU-Projekt schützt selten gewordene Wildpflanzen für die Ernährung von morgen

30.08.2010
Vom Julius Kühn-Institut koordiniertes EU-Projekt AEGRO setzt auf Stärken von Naturschutz UND Landwirtschaft

Würde morgen die „Schwarze Nana“ der Künstlerin Niki de Saint Phalle verschwinden, wäre dies eine Schlagzeile für viele Medien. Ginge jedoch die Beta nana verloren, eine für die Pflanzenzüchtung interessante sehr seltene Zuckerrüben-Wildart Griechenlands, wäre dies nicht einmal ein Lückenfüller.

Europäische Agrarwissenschaftler und Artenschützer engagieren sich im EU-Projekt AEGRO unter der Leitung des Julius Kühn-Instituts (JKI), gefährdete meist unscheinbare Wildpflanzenarten zu erhalten, die mit unseren Kulturpflanzen wie Weizen, Gerste oder Rüben verwandt sind. Dies soll in ihrer natürlichen Umgebung (in situ) geschehen. Als Ergebnis des Verbundprojektes entstand erstmals ein Informationssystem, mit dem sich Vorkommen von Wildarten in bereits bestehenden Natura 2000 Schutzgebieten lokalisieren lassen.

„Wir wollen keine neuen Artenschutzkategorien oder -gebiete schaffen. Ziel ist, die bestehenden Instrumente des Artenschutzes langfristig auch für diese unscheinbaren Pflanzen einzusetzen. Damit möchten wir die für die gegenwärtige und zukünftige Ernährung unschätzbar wertvollen Ressourcen gezielt und nachhaltig sichern“, so Dr. Lothar Frese vom JKI, der Koordinator des Projektes. Vom 13. – 16. September diskutieren 80 Wissenschaftler aus Europa, den USA, China und Syrien diese Themen während eines Symposiums in Funchal auf Madeira.

Das AEGRO-Projekt führt u.a. dazu, dass für die Wildart Beta patula auf einer Schäre im Südosten der Insel Madeira ein so genanntes „genetisches Schutzareal“ entstehen wird. In Wildarten finden sich oft Gene, die für die Züchtung vor allem widerstandsfähiger Sorten von enormer Bedeutung sind. Viele dieser Gene sind in den heutigen Sorten nicht vorhanden. „So schädigt ein Vergilbungsvirus die Kulturrüben wesentlich stärker als die Wildart, B. patula, was auf eine Resistenz hindeutet. B. patula kann helfen, die Zuckerrübe auf dem Wege der Züchtung zu verbessern“, hofft Dr. Edgar Schliephake vom JKI.

Artenvielfalt zu erhalten ist ein Wunsch vieler Bürger, die sich zunehmend für die Erhaltung selten gewordener Tierrassen oder Obstformen engagieren. Das ´Bunte Bentheimer´ Schwein, den ´Freiherr von Berlepsch´ oder die Kartoffelsorte ´Linda´ kennt man – aber die Wildgerste, Hordeum bulbosum? „Das Verschwinden letztgenannter Art würden nur wenige Experten bemerken“, so Frese. Diese mit der Kulturform kreuzbare Wildgerste ist für Züchter sehr wichtig. Sie trägt ein kürzlich gefundenes Gen, das der Kulturgerste eine vollständige Resistenz gegen das Gelbverzwergungsvirus verleiht (Presseinfo des JKI vom 31.8.2009).

Im Mittelmeerraum ist die Vielfalt an Pflanzen besonders hoch. 85 für unsere Ernährung wichtige Kulturpflanzenarten entstanden hier aus ihren Vorfahren wie Wildgersten oder Wildrüben. Die Wissenschaft beschreibt sie als wildlebende Verwandte unserer Kulturarten (Crop Wild Relatives). Sie werden bisher weder durch den Naturschutz effektiv geschützt noch sind sie in Genbanken in nennenswertem Umfang repräsentiert.

„Durch das Projekt AEGRO konnte eine neue, überzeugende, nachhaltige und für Naturschutz und Landwirtschaft synergistische Strategie zur in situ Erhaltung ökonomisch wichtiger Wildpflanzenarten entwickelt werden“, resümiert Frese. „Jetzt gilt es, die Kontinuität dieser Arbeiten zu gewährleisten und sie auf andere schutzwürdige Wildarten zu übertragen.“ Dies ist keine leichte Aufgabe: In vielen EU-Ländern liegt die Verantwortung zur Erhaltung der Artenvielfalt (der so genannten pflanzengenetischen Ressourcen) sowohl im Agrar- als im Naturschutzbereich. Ein Lichtblick ist, dass in dem jetzt gestarteten EU Vorhaben „PGR Secure” (Novel characterization of crop wild relative and landrace resources as a basis for improved crop breeding) die Arbeit konsequent fortgesetzt werden kann.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Lothar Frese
Institut für Züchtungsforschung an landwirtschaftlichen Kulturen
am Julius Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI)
Erwin-Baur-Straße 27, 06484 Quedlinburg
Tel.: 03946 / 47 701
E-Mail: lothar.frese(at)jki.bund.de
Weitere Informationen:
http://aegro.bafz.de/
- EU-Projekt AEGRO
http://www3.uma.pt/cem/aegro.ecpgr.symp/index.html
- Symposium in Funchal/Madeira vom 13. – 16.9.2010: “Towards the establishment of genetic reserves for crop wild relatives and landraces in Europe”
http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/natura_2000/doc/20286.php
- Natura 2000:ein EU-weites Netz von Schutzgebieten zum Erhalt der in der EU gefährdeten Lebensräume und Arten.

Dr. Gerlinde Nachtigall | idw
Weitere Informationen:
http://www.jki.bund.de

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