Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Landwirtschaft in den USA und in Deutschland – ein Vergleich

28.09.2010
Klima und Feldgrößen sind anders, auch die Einstellung zu gentechnisch veränderten Organismen. Dennoch nähern sich die amerikanische und die deutsche Landwirtschaft einander an, dank des Sortenschutzes bleibt ein Vorteil für Deutschland.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren lange Zeit ein Land der Farmer. Schon der Homestead Act aus der Feder von Abraham Lincoln erlaubt es jedem Bürger ab 22 Jahren, sich Land anzueignen, indem er es fünf Jahre lang bewirtschaftete. Diese Struktur zerbrach mit dem Verfall der Nahrungsmittelpreise Mitte des letzten Jahrhunderts, und Landwirtschaftsminister Wallace gab in den 1970er schließlich die Devise aus: „Get big or get out“.

Inzwischen haben die USA die stärkste Landwirtschaft der Welt. Obwohl die Umweltfolgen seit zwei Jahrzehnten thematisiert werden, spielen Bodenerosion und Trinkwasserprobleme in der Politik untergeordnete Rollen. Allein die äußeren Strukturen könnten also kaum unterschiedlicher zu Deutschland, speziell zu den alten Bundesländern, sein. Zwölf Millionen Landwirte bewirtschaften im Durchschnitt Betriebe von zwölf Hektar in Europa, während die zwei Millionen Landwirte in den USA über eine durchschnittliche Betriebsgröße von 180 Hektar verfügen. Die Unterschiede zeigen sich auch in den angebauten Pflanzen und in der Pflanzenzucht.

In Deutschland gibt es etwa 100 Pflanzenzuchtunternehmen, davon gut 70 mit eigenen Züchtungsprogrammen für ein oder mehrere Kulturen. In den USA beherrschen wenige Weltkonzerne den Markt. Sie setzen inzwischen meist auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO). So sind auf der anderen Seite des Atlantiks bereits vier von fünf angebauten Zuckerrüben gentechnisch verändert. In Deutschland gibt es keine für den Anbau zugelassenes GVO-Sorte von Zuckerrüben. Auf absehbare Zeit wird sich daran voraussichtlich auch wenig ändern. Eine mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung und der Politik machen die teure Entwicklung zu einem Risiko – von Feldzerstörungen ganz zu schweigen.

Pflanzen mit mehreren transformierten Genen drängen in den USA immer häufiger auf den Markt. Bei uns sind solche Pflanzen selbst in der Forschung nur selten Thema. Zwar betrachten viele deutsche Züchter GVOs als nicht zwingend erforderlich, doch wären sie für manches Züchtungsziel durchaus zielführend und praktisch.

Hierzulande ist dafür ein anderer Trend zu beobachten: Der ökologische Anbau nimmt stetig zu, speziell bei Mais. Von diesem Umstand und dem GVO-Aspekt abgesehen ist gerade der Mais eine Art, bei der es wenig Unterschiede gibt zwischen Deutschland und den USA. Bei uns wächst mehr Silo- und Körnermais, dort verarbeiten die Landwirte mehr Mais als gesamte Pflanze zu Futter.

Deutlicher wird der Unterschied bei Getreide. Während bei uns auf Kälte angewiesene Wintergetreide einen festen Platz in der Fruchtfolge haben, gibt es in den USA ausschließlich den Anbau von Sommersorten – und das selbst in den kühlen nördlichen Breitengraden des Landes.

Auch die Verwendung der Ackerpflanzen abseits der Ernährung ist diesseits und jenseits des Atlantiks verschieden. Die USA setzen vor allem darauf, die gesamte Pflanze zur Energiegewinnung zu verwenden. Das ist technisch einfach, aber auch ineffizient: Eine komplette Pflanze enthält viel Wasser, das auf dem Weg zu den Biomassekraftwerken oder Ethanolfabriken zwar mittransportiert werden muss, zur Energiegewinnung jedoch keinen Beitrag leistet.

Deutschland hingegen hat gar nicht die Ackerfläche, um parallel zur Ernährung vergleichbare Pflanzenmengen rein zur energetischen Nutzung anzubauen. Entsprechend sind deutsche Bioenergieerzeuger auf Importe und pflanzliche Reststoffe angewiesen. Wett macht das allerdings ein gänzlich anderes, wesentlich komplexeres Nutzungskonzept, bei dem die stoffliche Verwertung im Vordergrund steht: Bioraffinerien erzeugen aus nicht essbaren Pflanzenteilen Biokunststoffe. Erst der stofflich nicht zu verwendende Teil wird schließlich als Energielieferant genutzt.

Züchtungsziele auf beiden Seiten des Atlantiks

Die Züchtungsziele gleichen sich dennoch immer mehr an, getrieben von Bevölkerungswachstum, Globalisierung und Klimawandel. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht zu beiden Seiten des Atlantiks die Ertragssteigerung. Ein bis zwei Prozent sind es pro Jahr. Doch immer häufiger führt das Klima in einzelnen Regionen zu totalen Ernteausfällen. Deshalb folgt als nächstes Ziel die Ertragsabsicherung: Trockenresistenzen sind weltweit gefragt. Auch bei Schädlingsresistenzen zeigen sich immer weniger Unterschiede. Zwar tritt ein Schädling zunächst auf einer Seite des Atlantiks auf, doch abgesehen von Pilzerkrankungen werden Krankheitserreger und tierische Schädlinge heute innerhalb weniger Jahre weltweit verschleppt.

Rahmenbedingungen

Den vielleicht größten Unterschied zwischen der deutschen und der US-amerikanischen Landwirtschaft gibt es vermutlich beim rechtlichen Rahmen. In den USA greift in erster Linie der Patentschutz, wenn Züchter eine neue Sorte entwickeln. Für viele Jahre haben sie damit exklusiv die Möglichkeit, mit dieser Sorte weiter zu arbeiten. Anders in Deutschland: Hier ist für Pflanzen der Sortenschutz zuständig. Und der beinhaltet den Züchtervorbehalt: Sobald eine Sorte auf dem Markt ist, dürfen andere Züchter sie weiterentwickeln. Eine eigene Sorte dürfen sie dann schützen lassen, wenn diese in mindestens einer Eigenschaft dem Vorgänger überlegen ist. So gewährleistet der Sortenschutz, dass bei jeder neuen Züchtung möglichst viel Fortschritt mitgenommen wird. Das hat zur Folge, dass in Deutschland modernere Sorten wachsen als in den USA. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die meisten heimischen Landwirte bislang ohne GVO zurecht kommen.

Denn ein Blick auf den Ertrag je Fläche zeigt die deutsche Landwirtschaft gegenüber der amerikanischen für die meisten Arten laut FAO-Statistik für 2009 gleichauf oder klar im Vorteil:

Vergleich der Erträge in Deutschlanbd und den USA (Quelle: FAO-Statistik 2009).
Selbst dort, wo wie bei der Zuckerrübe in den USA fast nur noch GVO angebaut werden, können sich die konventionellen deutschen Züchtungserfolge behaupten. Zwar lassen sich beide Ertragsmittel nur grob vergleichen, weil die klimatischen Bedingungen verschieden sind. Dennoch wird eines deutlich: Das viel größere Flächenangebot in den USA hat bislang dazu geführt, dass weit weniger Anstrengungen als in Deutschland unternommen worden sind, den Ertrag pro Fläche zu maximieren.

Trotz aller Unterschiede bleibt es die gemeinsame Verantwortung beider Landwirtschaften, die Ernährungssicherheit zu garantieren. Hinzu kommt die vermehrte Nutzung von Pflanzen als Industrierohstoff zur sogenannte stofflichen Verwertung der Biomasse und von Reststoffen. Energie kann auf lange Sicht aus anderen Energiequellen gewonnen werden, um den wachsenden Energiehunger zu stillen. Jenseits fossiler Kohlenwasserstoffe bleibt jedoch nur die Biomasse als Rohstoff für die chemische Industrie. Die Zeit nach dem Öl wird unweigerlich zu einer Zeit der Pflanzen und damit der Landwirtschaft. Ohne Ressentiments und mit Respekt vor der anderen landwirtschaftlichen Kultur bleibt es eine Zukunftsaufgabe, die Landwirtschaft auf diese Erfordernisse auszurichten. Abstimmungen und Kooperationen sind hierfür notwendig. Aber auch die Bereitschaft zur Veränderung.

| Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
http://www.Pflanzenforschung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Wurmmittel für Weidetiere können die Keimung von Pflanzensamen beeinflussen
27.04.2017 | Universität Trier

nachricht Erstmals Studie zu Hai- und Rochenarten in deutschen Meeren
19.04.2017 | Bundesamt für Naturschutz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

Jenaer Akustik-Tag: Belastende Geräusche minimieren - für den Schutz des Gehörs

27.04.2017 | Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

VLC 200 GT von EMAG: Neue passgenaue Dreh-Schleif-Lösung für die Bearbeitung von Pkw-Getrieberädern

27.04.2017 | Maschinenbau

Induktive Lötprozesse von eldec: Schneller, präziser und sparsamer verlöten

27.04.2017 | Maschinenbau

Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

27.04.2017 | Informationstechnologie