Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Landnutzungsänderungen in Nordkasachstan

26.06.2015

Eine Analyse von langfristigen Landnutzungsänderungen in Nordkasachstan zeigt ein geringes Potenzial für Rekultivierung von ehemaligen Ackerflächen

In den kommenden Jahrzehnten muss die globale Landwirtschaft die Produktion von Futtermitteln, Lebensmitteln und Bioenergie beträchtlich erhöhen, um die stetig steigende Nachfrage zu bedienen. Jedoch werden die meisten fruchtbaren Böden bereits als Anbauflächen genutzt und die durchschnittlichen Erträge stagnieren.


Aufgegebene Ackerflächen, wieder mit natürlicher Steppenvegetation, in der Provinz Kostanai, Kasachstan.

Alexander Prishchepov

Gleichzeitig ist die Aufgabe von landwirtschaftlichen Nutzflächen in vielen Teilen des nördlichen Eurasiens, wie z. B. in der kasachischen Steppenregion in Zentralasien, infolge von postsozialistischen Wirtschaftskrisen zu einem weitverbreiteten Phänomen geworden.

Laut offiziellen Statistiken wurden in der ehemaligen Sowjetunion nach 1991 ungefähr 60 Millionen Hektar (Mha) Ackerland aufgegeben und die Rekultivierung dieser aufgegebenen Ackerflächen könnte die landwirtschaftliche Produktionsmenge beträchtlich erhöhen.

Wir haben diese Hypothese in Kasachstan genauer untersucht, wo rund 19 Mha oder 54 Prozent des Ackerlands im Zeitraum von 1991 bis 2000 aufgegeben wurden. Nach dem Jahr 2000 kam es im Zuge von politischen Reformen und einer allgemeinen wirtschaftlichen Erholung zu Rekultivierungen von stillgelegten Flächen.

Allerdings wurden 2010 offiziellen Statistiken zufolge nach wie vor 14 Mha ehemaligen sowjetischen Ackerlandes in Kasachstan nicht genutzt. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass nur ein kleiner Teil dieser brachliegenden Flächen für den Nutzpflanzenbau geeignet ist.

Kasachstan ist besonders interessant, da es sich um das ehemalige Kerngebiet des mit Nachdruck vorangetriebenen sowjetischen Ausweitungsprogramms von landwirtschaftlichen Flächen handelt, das allgemein unter der „Neulandkampagne“ bekannt wurde. Im Rahmen dieses Programms wurden in den Jahren von 1954 bis 1963 etwa 45 Mha Steppengrasland in Ackerland vorwiegend für Getreideanbau umgewandelt, wovon sich etwa die Hälfte in Kasachstan befand.

Mit Hilfe historischer Karten, die die Ausdehnung des Ackerbaus in den Jahren 1953 und 1961 während der „Neulandkampagne“ aufzeigen, sowie durch Satellitenaufnahmen aus den Jahren 1990, 2000 und 2010 rekonstruierten Roland Krämer und Alexander Prishchepov vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) und Kollegen, die Landnutzungsdynamik von 1953 bis 2010 für einen Teil (etwa 1/3) der nordkasachischen Provinz Kostanai, die ein Kerngebiet des nicht bewässerten Getreideanbaus in Kasachstan darstellt.

Die Analyse ergab für die Jahre 1954 bis 1990 eine sechsfache Ausweitung der Anbauflächen (von 0,5 auf 3,1 Mha), der von 1990 bis 2000 eine drastische Landaufgabe folgte, wodurch die Fläche kultivierten Ackerlandes um 45 Prozent zurückging. Nach 2000 kam es in vergleichbarem Umfang sowohl zu Landstilllegungen, als auch zu Rekultivierungen, jedoch mit einer unterschiedlichen räumlichen Verteilung.

Laut Krämer und Prishchepov war „die massive Landaufgabe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Überraschung, da wir ähnliche Prozesse in anderen postsozialistischen, sowjetischen und osteuropäischen Ländern beobachtet hatten. Überraschend war jedoch, dass die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgegebenen Anbauflächen in Kasachstan überwiegend erst nach dem Höhepunkt der „Neulandkampagne”, zwischen 1962 und 1990 von Steppe in Ackerland umgewandelt worden waren.“

Dies waren vorwiegend Gebiete mit geringerer ackerbaulicher Eignung im Vergleich zu Flächen, die bis zum Höhepunkt der „Neulandkampagne“ von 1954 bis 1961 kultiviert wurden oder auch gegenüber von 1990 bis 2000 weiterhin als Ackerland genutzten Flächen. Nach 2000 kam es zu wirtschaftlichen Anpassungsprozessen und Steigerungen der Getreidepreise, vor allem für Weizen, sodass einige stillgelegte Ackerflächen in Gebieten mit besseren agrarökologischen Bedingungen rekultiviert wurden.“ Krämer fügte hinzu: „Das im Jahr 2010 übrige stillgelegte Ackerland verfügte nur über eine sehr geringe Eignung für eine Nutzung als Ackerland, vor allem im Hinblick auf Bodenqualität und Wasserhaushalt.“

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine weitere Ausdehnung von Getreideflächen nur auf marginalen Flächen stattfinden kann. Wenn wir unsere Ergebnisse auf das gesamte Kasachstan übertragen, kommt von den 14 Mha derzeit nicht bewirtschafteter, ehemaliger Getreideflächen nur ein Drittel für eine Rekultivierung in Frage, wenn auch mit erheblichen natur-räumlichen Einschränkungen wie z. B. durch die grenzwertigen klimatischen Bedingungen, die in den zentral-asiatischen Steppengebieten vorherrschen. „Daher sollte der Schwerpunkt eher auf einer Verbesserung der Ernteerträge auf den derzeitig genutzten Flächen liegen, und die verbleibenden stillgelegten Ackerflächen dem Erhalt des Steppenökosystems und der traditionellen extensiven Beweidung vorbehalten bleiben. Dies steht im Einklang mit dem niedrigen Potenzial durch Rekultivierung ehemaliger Ackerflächen in Russland.

Text: 5.019 Zeichen (mit Leerzeichen)

Weitere Informationen (Open Access)

Kraemer, Roland, Alexander V. Prishchepov, Daniel Müller, Tobias Kuemmerle, Volker C. Radeloff, Andrey Dara, Alexey Terekhov, and Manfred Frühauf (2015): Long-Term Agricultural Land-Cover Change and Potential for Cropland Expansion in the Former Virgin Lands Area of Kazakhstan. Environmental Research Letters 10, no. 5: 054012: http://iopscience.iop.org/1748-9326/10/5/054012

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner

Alexander V. Prishchepov
Zugehörigkeiten: Universität Kopenhagen (Professor) und IAMO (Research Fellow)
Tel.: +45 35 33 13 86 (in Dänemark)
Tel.: +49 176 32496-154 (in Deutschland)
alpr@ign.ku.dk; prishchepov@iamo.de

Ansprechpartnerin für die Medien

Daniela Schimming
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 345 2928-330
Fax: +49 345 2928-499
presse@iamo.de
www.iamo.de

Daniela Schimming | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Feuerbrand bekämpfen und Salmonellen nachweisen
14.06.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Das Potenzial nichtheimischer Baumarten für den forstlichen Anbau in Deutschland sachlich prüfen
14.06.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Umfangreiche Fördermaßnahmen für Forschung an Chromatin, Nebenniere und Krebstherapie

28.06.2017 | Förderungen Preise

Immunabwehr: Wie Proteine Membranbläschen zusammenbringen

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das Auto lernt vorauszudenken

28.06.2017 | Maschinenbau