Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Haare als Zeitmesser - Schweifhaare geben Aufschluss über Lebensweise von Pferden

07.05.2015

Ernährung und Lebensstil lassen sich in Haaren chemisch nachweisen. Bei Pferden eignen sich dafür besonders die Schweifhaare, weil sie lang sind und deshalb über einen langen Zeitraum Auskunft geben.

Welchem Zeitraum ein Zentimeter Haar entspricht, ist allerdings schwer zu sagen. Haare wachsen nicht bei jedem Pferd gleich schnell. Dieses Problem haben Forschende der Vetmeduni Vienna nun gelöst. Sie entwickelten eine Methode, mit der einzelne Haarabschnitte Jahreszeiten zugeordnet werden können und somit auch einer Zeitspanne. Die Ergebnisse sind im Journal Rapid Communications in Mass Spectrometry nachzulesen.


Przewalski Pferde an einer Oase in der Mongolischen Gobi Wüste.

Foto: Martina Burnik Šturm

Eine gängige Methode, die Lebensweise von Tieren nachzuvollziehen, ist die chemische Analyse ihrer Haare. Dabei werden sogenannte Isotopen analysiert. Das sind unterschiedlich schwere Atome eines chemischen Elements mit gleicher Protonen- aber unterschiedlicher Neutronenzahl.

Die Isotopenverhältnisse von Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff in einer Probe liefern dabei wichtige Erkenntnisse zur Wasseraufnahme, Ernährung und zum Lebensraum der Tiere.

Martina Burnik Šturm und Petra Kaczensky vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna erforschen die Lebensweise von Wildtierpferden und Wildesel in der mongolischen Gobi-Wüste. Was die Tiere fressen, ob sie Wasser trinken oder Schnee aufnehmen und in welchen Regionen sie sich aufhalten, die Antworten auf all diese Fragen sollen in den Haaren zu finden sein.

Wie „lang“ ist ein Zentimeter?

Die Forschenden stießen auf ein nur scheinbar einfach zu lösendes Problem. Welchen Zeitraum untersucht man eigentlich, wenn man einen Zentimeter Haar analysiert? Zu messen, wie schnell ein Haar bei einer Tierart wächst, löste das Problem nicht. Haare wachsen nämlich nicht bei jedem Individuum gleich schnell.

Die Erstautorin Burnik Šturm entwickelte deshalb eine Methode, mit der sie die Zeit in den Haaren eindeutig ablesen kann. Zugute kam ihr dabei der Lebensraum der Wildpferde. In der mongolischen Gobi-Wüste herrschen extreme klimatische Bedingungen.

Die Temperatur schwankt stark zu unterschiedlichen Jahreszeiten und so auch die Zusammensetzung der chemischen Elemente in den Haaren. Die Forscherin verglich die Isotopendaten aus den Haaren mit Satellitendaten aus einer frei zugänglichen Datenbank der NASA (Earth Observing System Data and Information System – EOSDIS) und ordnete so jedem Haar einen Sommer-Winter-Rhythmus zu. Damit konnte Burnik Šturm genau errechnen, welchem Zeitraum ein Zentimeter Haar entspricht.

Die Schweifhaare der Mongolischen Wildesel benötigen für einen Zentimeter Wachstum durchschnittlich 19 Tage. Bei Przewalski Wildpferden dauert es 17 Tage, bei Hauspferden im Schnitt gar nur 13 Tage.

„Wir haben herausgefunden, dass das Haarwachstum bei den unterschiedlichen Pferdearten stark variiert aber auch innerhalb einer Art wachsen Schweifhaare nicht gleich schnell. Durchschnittswerte für verwandte Pferdearten anzunehmen, führt bei der Interpretation der Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Fehlern“, betont Burnik Šturm.

„Die Isotopenanalyse von Haaren ist eine gängige Methode wenn es um Ernährungswissenschaften und Migrationsforschung bei Tieren geht. Unsere Methode liefert erstmals die Möglichkeit, die Lebensweise der Tiere zeitlich genau nachzuvollziehen. Zuvor waren die Ergebnisse, was den Zeithorizont betrifft, eher geschätzt als korrekt. Ab jetzt steht den Forschenden eine relativ einfache Methode zur Verfügung, ihre Daten richtig zu interpretieren“, meint Burnik Šturm.

Forschung an Wildpferden und Wildeseln in der Mongolei

Die Schweifhaare sollen den Forschenden Aufschluss über die Lebensweise von Przewalski Wildpferd, Wildesel und Hauspferd in der mongolischen Gobi-Wüste liefern. Alle drei Arten teilen sich den Lebensraum in einem streng geschützten Areal mit etwa 9000 Quadratkilometern im Südwesten der Mongolei. Üblicherweise konkurrieren nahe verwandte Arten um Futter. Außerdem sind die Weiden in der Gobi karg. Was es den Tieren ermöglicht, gemeinsam in einer Region zu leben, ist eine der Kernfragen des Forschungsteams.

Wie funktioniert die Haar-Isotopenmessung?

Zur Isotopenmessung werden die Schweifhaare in ein Zentimeter lange Abschnitte zerteilt und einzeln in kleine Gefäße aus Zink oder Silber gelegt. Darin wird das Haar bei einer Temperatur von 1450 Grad Celsius verbrannt. In den entstehenden Gasen werden die Isotope mittels Massenspektrometrie, einer Methode mit der einzelne Atome nach Masse sortiert werden, nachgewiesen.

Isotopenmessungen werden heutzutage in vielen verschiedenen Bereichen angewandt. Beispielsweise kann damit die regionale Herkunft von Tieren, somit auch Lebensmitteln und Naturfasern bestimmt werden. In Haaren findet die Isotopenmessung auch zum Nachweis von Doping oder Umweltkontaminationen Anwendung.

Service:

Der Artikel „A protocol to correct for intra- and interspecific variation in tail hair growth to align isotope signatures of segmentally cut tail hair to a common time line” von Martina Burnik Šturm, Budhan Pukazhenthi, Dolores Reed, Oyunsaikhan Ganbaatar, Stane Sušnik, Agnes Haymerle, Christian C. Voigt und Petra Kaczensky wurde im Fachmagazin Rapid Communications in Mass Spectrometry veröffentlicht. DOI: 10.1002/rcm.7196
http://wiley-blackwell.spi-global.com/authorproofs/journal/RCM/20150401210907/RC...

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. Im Jahr 2015 feiert die Vetmeduni Vienna ihr 250-jähriges Bestehen. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:

Dr. Martina Burnik Šturm
Postdoctoral Researcher
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 20577-7151
sturm.martina@vetmeduni.ac.at

Aussenderin:

Dr. Susanna Kautschitsch
Wissenschaftskommunikation / Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1153
susanna.kautschitsch@vetmeduni.ac.at

Weitere Informationen:

http://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinfo2015/pfe...

Dr. Susanna Kautschitsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Elefanten-Herpes: Super-Verbreiter gefährden Jungtiere
04.05.2017 | Universität Zürich

nachricht Wurmmittel für Weidetiere können die Keimung von Pflanzensamen beeinflussen
27.04.2017 | Universität Trier

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode zur Charakterisierung von Graphen

Wissenschaftler haben eine neue Methode entwickelt, um die Eigenschaften von Graphen ohne das Anlegen störender elektrischer Kontakte zu charakterisieren. Damit lassen sich gleichzeitig der Widerstand und die Quantenkapazität von Graphen sowie von anderen zweidimensionalen Materialien untersuchen. Dies berichten Forscher vom Swiss Nanoscience Institute und Departement Physik der Universität Basel im Wissenschaftsjournal «Physical Review Applied».

Graphen besteht aus einer einzigen Lage von Kohlenstoffatomen. Es ist transparent, härter als Diamant, stärker als Stahl, dabei aber flexibel und ein deutlich...

Im Focus: New Method of Characterizing Graphene

Scientists have developed a new method of characterizing graphene’s properties without applying disruptive electrical contacts, allowing them to investigate both the resistance and quantum capacitance of graphene and other two-dimensional materials. Researchers from the Swiss Nanoscience Institute and the University of Basel’s Department of Physics reported their findings in the journal Physical Review Applied.

Graphene consists of a single layer of carbon atoms. It is transparent, harder than diamond and stronger than steel, yet flexible, and a significantly better...

Im Focus: Detaillierter Blick auf molekularen Gifttransporter

Transportproteine in unseren Körperzellen schützen uns vor gewissen Vergiftungen. Forschende der ETH Zürich und der Universität Basel haben nun die hochaufgelöste dreidimensionale Struktur eines bedeutenden menschlichen Transportproteins aufgeklärt. Langfristig könnte dies helfen, neue Medikamente zu entwickeln.

Fast alle Lebewesen haben im Lauf der Evolution Mechanismen entwickelt, um Giftstoffe, die ins Innere ihrer Zellen gelangt sind, wieder loszuwerden: In der...

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissenschaftsforum Chemie 2017

30.05.2017 | Veranstaltungen

Erfolgsfaktor Digitalisierung

30.05.2017 | Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Methode zur Charakterisierung von Graphen

30.05.2017 | Physik Astronomie

Riesenfresszellen steuern die Entwicklung von Nerven und Blutgefäßen im Gehirn

30.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Nano-U-Boot mit Selbstzerstörungs-Mechanismus

30.05.2017 | Biowissenschaften Chemie