Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gestresste Legehennen: TUM-Forscher klären genetische Grundlagen von Hühner-Verhaltensauffälligkeiten

19.12.2008
Federpicken ist bei Legehennen in artgerechter Gruppenhaltung nicht selten: Die Tiere rupfen sie sich gegenseitig die Federn aus, teilweise führt diese Verhaltensauffälligkeit bis zu Kannibalismus und Tod im Hühnerstall.

Dagegen half bis jetzt nur das vorbeugende Stutzen der Schnäbel. Nun haben Forscher der Technischen Universität München (TUM) herausgefunden, weshalb bestimmte Hühner stärker zum Federpicken neigen als andere. Mit dieser Erkenntnis könnte man in Zukunft Qualen bei den Legehennen vermeiden.

Der von Verhaltensforschern wie Tierschützern geforderte Ausstieg aus der Hühner-Käfighaltung wird endlich Realität: Zum 1. Januar 2009 tritt das Käfigverbot endgültig in Kraft. Somit müssen in Deutschland die letzten Legebatterien schließen und die Eierproduzenten auf artgerechte Hühnerhaltung umstellen.

Hier dürfen Legehennen in Gruppen leben, angeborenes Verhalten wie Scharren und Übernachten auf Sitzstangen pflegen und ihre Eier ungestört in Nestern ablegen. Was für das Tier an für sich optimal ist, hat jedoch einen gravierenden Nachteil: Ausgerechnet in dieser tierfreundlichen Haltung kann das so genannte "Federpicken" auftreten.

Bei dieser Verhaltensauffälligkeit rupfen sich Hühner gegenseitig Schwanz- oder Körperfedern aus - zum Teil so lange, bis ein Tier kaum noch ein Federkleid hat. Im Extremfall picken sich verhaltensauffällige Legehennen sogar gegenseitig tot. Warum, darüber konnten Forscher bisher nur spekulieren. Prof. Ruedi Fries vom Lehrstuhl für Tierzucht am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TUM hat jetzt mit seinem Team Licht ins Dunkel gebracht - mithilfe eines verhaltensbiologischen Experiments und anschließender Gen-Sequenzierung.

Federpicken wird von einigen Verhaltensforschern als Aspekt des Erkundungsverhaltens gedeutet. Durch Verhaltensbeobachtung an frisch geschlüpften Küken zeigten die TUM-Forscher zunächst, dass es dabei unterschiedliche "Hühner-Persönlichkeiten" gibt: Die Küken einer Linie, die weiße Eier legt, erkundeten im Experiment ihre Umgebung neugierig. Als Legehennen pickten sie sich später nur selten und zart. Die Tiere einer Vergleichslinie, die braune Eier legt, blieben als Küken viel enger zusammengekuschelt. Im Erwachsenenalter zeigen Sie dafür aber ausgeprägtes Federpicken.

Bei der Suche nach dem Grund kam Ruedi Fries der Zufall zur Hilfe: "Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, in dem es um die Persönlichkeit von Blau- und Kohlmeisen ging. Bei ihnen die Variation eines Gens namens DRD4 für ein unterschiedliches Neugier-Level verantwortlich." Fries folgerte: Wenn Erkundungsverhalten mit dem Federpicken zu tun hat, könnte auch bei Hühnern das DRD4 dahinter stecken. Um das zu untersuchen, wählten die Forscher insgesamt fünf Hühnerlinien aus: Je zwei Zuchtlinien aus der kommerziellen Hühnerzucht und aus einem Zuchtexperiment, bei dem auf starkes und seltenes Federpicken selektiert wurde, sowie eine Kontrollgruppe.

Fries' Team prüfte per Gen-Sequenzierung insgesamt 141 Erbgut-Proben der verschiedenen Zuchtlinien auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Im Fokus standen das "verdächtigte" Gen DRD4, das das Erkundungsverhalten von Meisen mitbestimmt, sowie zusätzlich das benachbarte DEAF1. Dieses Gen wird mit der Entstehung von Depressionen in Verbindung gebracht. Die Forscher wurden doppelt fündig: Sie entdeckten bei beiden Genen einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Gen-Variante und dem Hang zum Federpicken, und zwar sowohl in den kommerziellen Hühnerrassen als auch in den anderen.

Die Gen-Varianten scheinen also die Befindlichkeit des Huhns maßgeblich zu bestimmen. Hennen, die zum Federpicken neigen, sind offenbar aufgrund ihrer genetischen Ausstattung latent depressiv und schnell gestresst. "Das müssen weitere Studien jetzt noch bestätigen", so TUM-Genetiker Ruedi Fries. Der Industriepartner des Projekts, ein weltweit führender Hühnerzüchter, hat die Ergebnisse bereits zum Patent angemeldet: Er möchte mit dem Wissen gezielt Linien entwickeln, die nicht zum Federpicken neigen - und sich deshalb besonders gut für eine tiergerechte Haltung eignen.

"Die Ergebnisse sind aber noch aus einem zweiten Grund sehr interessant" so Prof. Fries. "Die genetische Verhaltens-Forschung bei Vögeln kann auch die Erforschung psychischer Erkrankungen befruchten." Vielleicht werden uns Hühner also helfen, in einigen Jahren etwa Depressionen beim Menschen besser zu verstehen - und irgendwann auch effektiver zu behandeln.

Kontakt:
Technische Universität München
Wissenschaftszentrum Weihenstephan
Lehrstuhl für Tierzucht
Prof. Dr. Ruedi Fries
Telefon: 08161 / 71 - 3228
Fax: 08161 / 71 - 3107
Email: Ruedi.Fries@tum.de
Publikation:
K. Flisikowski, H. Schwarzenbacher, M. Wysocki, S. Weigend, R. Preisinger, J. B. Kjaer, R. Fries (2008): Variation in neighbouring genes of the dopaminergic and serotonergic systems affect feather pecking behaviour of laying hens. Animal Genetics (in press).
Online-Vorabveröffentlichung unter http://www3.interscience.wiley.com/journal/121578021/abstract

Der Originalartikel kann bei Bedarf als pdf-Dokument angefordert werden.

Hintergrund:
Das Forschungsprojekt entstand in enger Zusammenarbeit mit den Instituten für Nutztiergenetik (Mariensee) sowie für Tierschutz und Tierhaltung (Celle) der Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit (Friedrich Löffler Institut). Es wurde teilfinanziert von der Lohmann Tierzucht GmbH aus Cuxhaven, die bezüglich der Ergebnisse schon einen Patentantrag gestellt hat.

Dr. Ulrich Marsch | idw
Weitere Informationen:
http://portal.mytum.de/welcome
http://www3.interscience.wiley.com/journal/121578021/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Dendromax: Züchtung und Vermehrung von Mehrklonsorten der Hybridlärche, Douglasie und Aspe
27.02.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

nachricht Arten verschwinden, Pflanzenfraß bleibt
07.02.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik