Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Emmer, Einkorn und Dinkel: Wiedergeburt vergessener Getreidearten

02.11.2011
Breites Bündnis um Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim will Urgetreide bei Verbrauchern wieder bekannt machen

Kaum ein Acker trägt noch Emmer oder Einkorn. Auch der Dinkel war weitgehend von der Bildfläche verschwunden, erlebt aber seit einigen Jahren eine Renaissance. Dr. Friedrich Longin von der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim will das auch für Emmer und Einkorn möglich machen. Deshalb hat er zusammen mit Andreas Kofler vom Landesinnungsverband für das württembergische Bäckerhandwerk e.V. einen Arbeitskreis Spelzweizen ins Leben gerufen, dem Vertreter der gesamten Produktionskette angehören.

Tatsächlich haben Emmer und Einkorn sogar einige sehr verlockende Eigenschaften: „Sie sind bedeutend aromatischer in Gebäcken als Weizen. Zudem gehören sie zum Spelzgetreide“, erklärt Dr. Longin. „Die Spelzen sind mit dem Korn fest verwachsen und schützen es so vor äußeren Einflüssen.“ Anders als beim Weizen bleibt ein Großteil von schädlichen Pilzen so auf der Spelze und gelangt nicht an das Korn. Auch Luftschadstoffe werden durch den Spelz vom Korn ferngehalten. Außerdem können die beiden Urgetreide, ebenso wie der Dinkel, sehr gut in rauen Lagen wie der Schwäbischen Alb wachsen. Beim Weizen ist der Anbau dort hingegen schwierig.

Allerdings machen Spelzgetreide Müllern und Bäckern mehr Arbeit: Durch einen zusätzlichen Arbeitsgang, den Gerbgang, der bei Weichweizen gar nicht nötig ist, muss der Spelz vom Korn getrennt werden. Außerdem sind die Backeigenschaften von Emmer und Einkorn weniger geeignet für die schnelle maschinelle Verarbeitung. Längere Teigführung und traditionellere Backweise kompensieren dies aber gut und können gleichzeitig das hohe Geschmackspotential der Urgetreide voll zur Geltung bringen. „Ein handwerklicher Bäcker, der solche Brote aus Emmer oder Einkorn im Sortiment hat, hebt sich ab von Discountern und großen Ketten und ist deshalb für traditions- und qualitätsbewusste Kunden interessant.“ Die Eigenschaften der beiden Urgetreide sind ohnehin wie geschaffen für den ökologischen Landbau.

Vom Liebling zum Stiefkind

Tatsächlich schätzten und kultivierten bereits die alten Römer Emmer und Einkorn. Doch im Verlauf des Mittelalters gerieten diese beiden Weizenarten mehr und mehr in Vergessenheit. Dinkel trat an ihre Stelle. Er versprach höhere Erträge und Hildegard von Bingen lobte seine gesundheitsfördernden Eigenschaften.

Doch auch der Dinkel verlor über die Jahrhunderte an Bedeutung und war Mitte des vorigen Jahrunderts schließlich beinahe ganz von der Bildfläche verschwunden. Doch dann kam die große Rückbesinnung: Die aufkommende ökologische Bewegung suchte und fand Alternativen zum allgegenwärtigen Weichweizen mit seinen hervorragenden Backeigenschaften und den hohen Erträgen. Heute wird Dinkel in Deutschland wieder auf einer Fläche von rund 60.000 Hektar angebaut.

Breites Bündnis vom Züchter bis zum Bäcker

Nun will Dr. Friedrich Longin von der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim auch den beiden Urgetreidearten Emmer und Einkorn zu einer Renaissance verhelfen. Deshalb hat er zusammen mit Andreas Kofler vom Landesinnungsverband für das Württembergische Bäckerhandwerk e.V. und 24 weiteren Vertretern aus Forschung, Landwirtschaft, Saatguthandel, Müllerei und Bäckerei den Arbeitskreis Spelzweizen ins Leben gerufen.

„Damit sitzt die gesamte Produktionskette an einem Tisch“, sagt Dr. Longin. „Unser gemeinsames Ziel ist es, Emmer und Einkorn bei den Verbrauchern wieder bekannt zu machen und den Dinkel weiter auszubauen“

Neue Sorten sind attraktiver für Landwirte

Die Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim züchtet neben Dinkel auch seit über zehn Jahren Einkorn und Emmer. Ihr Ziel ist es, die Eigenschaften zu verbessern, die vom Landwirt als Produktionsnachteil gesehen werden. Zum Beispiel ist es gelungen, die normalerweise hoch wachsende Pflanze zu verkleinern, damit sie bei Wind nicht so leicht abknickt wie bisher. Der Arbeitskreis Spelzweizen vernetzt nun mehrere Forschungsanstalten aus dem deutschsprachigen Raum miteinander.

„Dinkel, Emmer und Einkorn werden Nischenprodukte bleiben“, schränkt Dr. Longin ein. „Doch in fünf bis zehn Jahren könnte der Emmer auf einer ähnlich großen Fläche angebaut werden wie Dinkel heute. Beim Einkorn wird es vermutlich weniger sein.“

Kontakt für Medien:
Dr. Friedrich Longin, Universität Hohenheim, Landessaatzuchtanstalt, Leitung Arbeitsgebiet Weizen, Tel.: 0711/459-23846, E-Mail: friedrich.longin@uni-hohenheim.de

Text: Weik / Klebs

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Arten verschwinden, Pflanzenfraß bleibt
07.02.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht DFG-Projekt: Biodiversität, Interaktion und Stickstoffkreislauf in Grünlandböden
31.01.2017 | Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Im Focus: Weltweit genaueste und stabilste transportable optische Uhr

Optische Strontiumuhr der PTB in einem PKW-Anhänger – für geodätische Untersuchungen, weltweite Uhrenvergleiche und schließlich auch eine neue SI-Sekunde

Optische Uhren sind noch genauer als die Cäsium-Atomuhren, die gegenwärtig die Zeit „machen“. Außerdem benötigen sie nur ein Hundertstel der Messdauer, um eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

Ökologischer Landbau: Experten diskutieren Beitrag zum Grundwasserschutz

17.02.2017 | Veranstaltungen

Von DigiCash bis Bitcoin

16.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Stammzellen verlassen Blutgefäße in strömungsarmen Zonen des Knochenmarks

17.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

LODENFREY setzt auf das Workforce Mangement von GFOS

17.02.2017 | Unternehmensmeldung

50 Jahre JULABO : Erfahrung – Können & Weiterentwicklung!

17.02.2017 | Unternehmensmeldung