Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bessere Milch durch Änderung des Melkrhythmus

04.10.2010
TUM-Physiologen untersuchen den Einfluss des Melkrhythmus auf die Milchqualität

Milch ist gesund. Vor allem ihr Protein, das Milcheiweiß, ist für uns sehr wertvoll, es enthält Phosphor, Calcium und viele lebensnotwendige Aminosäuren.

Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) haben jetzt herausgefunden, dass man den Proteingehalt durch eine kleine Änderung im Melkrhythmus erhöhen kann. Das ist nicht nur für den Verbraucher vorteilhaft: Das Vorgehen ist sogar gesünder für die Kühe als die herkömmliche Melkmethode, wie Physiologen um den Professor Heinrich Meyer in einer zweijährigen Studie belegen konnten.

Eine moderne Milchkuh gibt bis zu 10.000 Liter Milch und mehr pro Jahr. Doch Menge ist heute nicht mehr alles – der Proteingehalt ist interessanter. Milch ist für uns sehr wertvoll, da sie leicht verdaulich ist und viele essentielle Aminosäuren und Mineralien enthält. Außerdem zahlen die Molkereien dem Landwirt deutlich mehr Geld für proteinreiche Milch. Kurz: Ein hoher Eiweißgehalt in der Milch ist für den Bauern ökonomischer und für den Verbraucher gesünder.

Professor Heinrich Meyer vom Lehrstuhl für Physiologie der TUM hat nun herausgefunden, dass man den Proteingehalt über den Melkrhythmus beeinflussen kann. Dies wirkt sich sogar positiv auf die Kühe aus, denn ein hoher Milcheiweißgehalt zeigt an, das dass die Tiere gesund sind.

Besonders in den ersten Wochen nach dem Kalben sind Stoffwechsel und Gesundheit labil, wie Meyer erklärt: „Eine Milchkuh wird besamt und während der neunmonatigen Trächtigkeit die ersten sieben Monate gemolken.“ Knapp zwei Monate bevor das Kalb zur Welt kommt wird die Kuh ‚trocken gestellt‘, damit sich ihre Milchdrüsen regenerieren können. Sobald das Kalb geboren ist, wird die Kuh wieder zweimal täglich gemolken. Anschließend wird die Milchkuh sobald möglich wieder besamt.“ Diese Umstellung von der Trockenphase aufs Melken ist eine große Belastung für den Stoffwechsel - die Kuh muss binnen kurzer Zeit den Stoffwechsel umstellen und wieder sehr viel Milch produzieren. In dieser Phase kann es zur Unterzuckerung kommen, weil die Kuh den Blutzucker für die Milchsynthese heranzieht. Durch den entstehenden Zuckermangel wird zudem weniger Milcheiweiß gebildet, die Milchqualität nimmt ab.

Das kann der Landwirt allerdings umgehen: Er muss dazu den klassischen Melkrhythmus umstellen, wie ein Team vom Lehrstuhl für Physiologie herausfand. Die Wissenschaftler verglichen drei Arten zu Melken im Hinblick auf die Menge und die Inhaltsstoffe der Milch. Insgesamt 36 Kühe der TUM-Versuchsstation Veitshof wurden in die Studie einbezogen, zwölf pro Versuchsgruppe. Dabei gab es eine Kontrollgruppe, die wie üblich zwei Monate vor dem Kalben nicht mehr gemolken wurde und im Anschluss zweimal pro Tag. Die zweite Gruppe wurde langsamer wieder an das Melken gewöhnt: Sie wurde zwar ebenfalls ‚trocken gestellt’, aber in den ersten vier Wochen nach der Geburt nur einmal und erst danach zweimal täglich gemolken. Bei der letzten Gruppe ließ man die Trockenpause komplett aus, die Kühe wurden durchgehend zweimal pro Tag gemolken.

Während der zwei Jahre nahmen die Physiologen regelmäßig Milch- und Blutproben. Außerdem überprüften sie täglich die Gesundheit der Kühe. Die Ergebnisse überraschten auch die Fachleute: Die traditionell gemolkenen Kühe gaben zwar auf die gesamte Melkdauer bezogen mehr Milch als die anderen beiden Gruppen, aber zu einem hohen Preis. Sie hatten mehr Gewicht verloren, ihr Blutzuckerspiegel war niedriger. Auch die Milchqualität war geringer. Zum Vergleich: Die Milch der Gruppe, bei der nach der Trockenpause die Melkroutine langsamer wieder eingestellt wurde, hatte im Schnitt 0,3 % mehr Eiweiß - die der Kühe ganz ohne Trockenpause sogar 0,5 % mehr Milchprotein. Der logische Rückschluss: Die neu getesteten Melkrhythmen vermeiden die Belastungs-Spitzen und lassen den Kühen mehr Energie, um Milch und Eiweiß in bester Qualität herzustellen. Offenbar sind sie also schonender für den Tierstoffwechsel als die herkömmliche Melkroutine.

Landwirte könnten also mit einer Umstellung ihrer Melkgewohnheiten viel bewirken. Ihre Kühe hätten weniger stoffwechselbedingte Gesundheitsprobleme, die Milch würde proteinreicher und damit gesünder. Sogar sich selbst täten die Bauern etwas Gutes, denn: „Der Milcheiweißgehalt macht 60 Prozent des Preises aus, den die Bauern von den Molkereien bekommen, weil diese damit besser arbeiten können“, so Heinrich Meyer. Eine kleine Änderung im Melkrhythmus hätte also positive Folgen für Tier, Landwirt, Molkerei und Verbraucher. Die effektivste Lösung ist dabei das Auslassen der Trockenperiode. Allerdings muss diese Methode noch weiter untersucht werden – so ist zum Beispiel noch nicht klar, wie oft hintereinander die Melkpause ausgelassen werden kann, ohne dass eine Regeneration des Drüsengewebes der Kuh erforderlich ist.

Die TUM-Physiologen planen derzeit eine größere und längere Studie, um die Methode weiter zu optimieren. Dies könnte man zum Beispiel durch Verkürzung der Trockenpause erreichen. Denn die Erholung des Eutergewebes dauert nicht zwingend zwei Monate, sondern kann auch früher abgeschlossen sein. Diese Hypothese werden die Wissenschaftler prüfen und damit die Frage lösen: Wie kurz ist lang genug?

Literatur:

Schlamberger G, Wiedemann S, Viturro E, Meyer HHD and Kaske M: Effects of continuous milking during the dry period or once daily milking in the first 4 weeks of lactation on metabolism and productivity of dairy cows. Journal of Dairy Science (2010) 93(6): 2471-2485. (DOI: 10.3168/jds.2009-2823)

Kontakt:

Prof. Dr. Dr. Heinrich H.D. Meyer
Lehrstuhl für Physiologie
Weihenstephaner Berg 3
85354 Freising, Germany
Technische Universität München
Tel.: +49 8161 71 3508
E-Mail: physio@wzw.tum.de

Dr. Ulrich Marsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.wzw.tum.de/fml/physio
http://www.journalofdairyscience.org/article/S0022-0302%2810%2900250-X/abstract
http://mediatum.ub.tum.de/?cunfold=998064&dir=998064&id=998064

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Feuerbrand bekämpfen und Salmonellen nachweisen
14.06.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Das Potenzial nichtheimischer Baumarten für den forstlichen Anbau in Deutschland sachlich prüfen
14.06.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften