Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Satt aber krank: Neues Saatgut für Entwicklungsländer könnte helfen, verdeckten Hunger zu lindern

20.08.2007
Agrarökonom der Universität Hohenheim zeigt: Reis und Weizen mit höherem Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen sind effizienter und kostengünstiger als Medikamente. Zurzeit sterben in Indien jedes Jahr über 175.000 Menschen, zumeist Kinder, an Eisen-, Zink-, und Vitamin A-Mangel.

Satt sein alleine reicht nicht! Über die Hälfte der Menschheit leidet am so genannten verdeckten Hunger: Krankheit durch Vitamin- und Mineralstoffmangel - mit zum Teil verheerenden Folgen sowohl für das individuelle Wohlbefinden als auch für die Volkswirtschaften.

In dreijähriger Untersuchung berechnete Agrarökonom Dr. Alexander J. Stein an der Universität Hohenheim, dass betroffenen Bevölkerungsschichten mit natürlich angereichertem Reis und Weizen umfassender und kostengünstiger geholfen werden könnte als mit bisherigen Maßnahmen, wie etwa der Verteilung synthetischer Vitaminpräparate. Seitens des Universitätsbundes wurde seine Forschung mit dem Wissenschaftspreis der Universität Hohenheim ausgezeichnet.

Grundlage der Untersuchung waren die Ernährungsgewohnheiten von 120.000 Haushalten in Indien.

Als Ernährungsproblem wird der verdeckte Hunger bislang weltweit unterschätzt. Dabei handelt es sich um eine einseitige Ernährung, die durch Vitamin- und Mineralstoffmangel gekennzeichnet ist und dem menschlichen Körper mit der Zeit erheblichen Schaden zufügt. "In den ärmeren Gesellschaftsteilen von Entwicklungsländern, wo Möglichkeiten und Mittel zu einer ausgewogenen Ernährung fehlen, ist das Phänomen weit verbreitet", sagt Dr. Alexander J. Stein und stützt sich auf die Auswertung der Ernährungsgewohnheiten von 120.000 Haushalten in Indien.

An den Folgen der drei wichtigsten Mangelerscheinungen - Eisen-, Zink- und Vitamin A-Mangel - sterben in Indien jedes Jahr über 175.000 Menschen, zumeist Kinder. Dies ist jedoch nur eine Minderheit all derjenigen, die an Mikronährstoffmangel leiden. Die Mehrheit der Mangelernährten überlebt, ist aber in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung zurückgeblieben, erblindet, physisch geschwächt und allgemein kränklich. Diese gesamte Krankheitslast beinhaltet den jährlichen Verlust von 9,1 Millionen "gesunden Lebensjahren", einer in der Gesundheitsökonomie benutzten Recheneinheit. Bei einer rein wirtschaftlichen Bewertung entspricht dies einem Verlust von zwei bis drei Prozent des indischen Bruttosozialprodukts.

Angesichts der humanitären und wirtschaftlichen Dimensionen des verdeckten Hungers wird von staatlicher Seite versucht, den Mangelerscheinungen zum Beispiel mit Vitaminpräparaten in Pillenform entgegen zu wirken. Doch "diese Methode greift nur in begrenztem Umfang und in den leichter zugänglichen Bereichen eines Landes - ein Großteil der ländlichen Bevölkerung bleibt unversorgt", beobachtete Dr. Stein.

Selbst wenn die gängigen Maßnahmen zur Bekämpfung von Mikronährstoffmangel allgemein als kostengünstig angesehen werden, so sind die Vitamin- und Mineralstoffpräparate im Vergleich dennoch verhältnismäßig teuer. Vielversprechender ist es, Grundnahrungsmittel wie Reis und Weizen mit den notwendigen Inhaltsstoffen anzureichern. Je nach Mineralstoff und Getreideart halten es die beteiligten Pflanzenzüchter für möglich, den Mikronährstoffgehalt durch klassische Züchtung um 20 bis 170 Prozent zu steigern. Nach Steins Berechnungen kann das Problem des verdeckten Hungers dadurch mehr als halbiert werden. Den Vitamin A-Mangel von Reis essenden Bevölkerungsgruppen kann die klassische Züchtung nicht lindern, da es keine geeigneten Reissorten gibt, die gekreuzt werden könnten: Betakarotin, ein Vorprodukt für Vitamin A, ist in Reiskörnern nicht enthalten. Doch hier gibt es Ansätze aus der Gen-Forschung, bei der das benötigte Betakarotin in die Pflanzen hineingezüchtet wird.

Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind diese Züchtungsanstrengungen nach Steins Berechnungen sehr vorteilhaft: Bei herkömmlichen Programmen zur Bekämpfung von Mikronährstoffmangel, wie der industriellen Anreicherung von Lebensmitteln oder der Verteilung vom pharmazeutischen Mikronährstoffpräparaten, liegen die Kosten zur Rettung eines "gesunden Lebensjahres" je nach Mikronährstoff bei 5,60 bis 600 US-Dollar. Die Rettung eines gesunden Lebensjahres durch natürliche Anreicherung soll je nach Mikronährstoff hingegen nur 0,50 bis 35 US-Dollar kosten - und damit deutlich unter der von der Weltbank vorgegebenen Wirtschaftlichkeitsgrenze von 200 US-Dollar pro gesundem Lebensjahr liegen.

Um die Akzeptanz der neuen Sorten zu erhöhen, wird laut Dr. Stein daran gearbeitet, mit den Inhaltsstoffen auch den Ertrag zu steigern: "Das Saatgut soll nicht nur den verdeckten Hunger bekämpfen, sondern dem Bauern auch einen wirtschaftlichen Zusatznutzen bringen. Das kann dadurch erreicht werden, dass bei der Züchtung neben dem Mikronährstoffgehalt auch auf die Erträge und andere agronomische Eigenschaften geachtet wird." Am Ende lösen sich damit mehrere Probleme zugleich, denn Dank des höheren Gewinns würden die Bauern auch die gesünderen Sorten anbauen.

Kontaktadresse:
Dr. Alexander J. Stein, Fachgebiet Internationaler Agrarhandel und Welternährungswirtschaft, Institut für Agrar- und Sozialökonomie in den Tropen und Subtropen, Universität Hohenheim (490b), 70593 Stuttgart
Tel.: 0711 459-23392, Fax: 0711 459-23762
E-Mail: astein1@uni-hohenheim.de, Internet: http://www.uni-hohenheim.de/i3ve/00032900/46431041.htm

Johanna Lembens-Schiel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de/i3ve/00032900/46431041.htm

Weitere Berichte zu: A-Mangel Entwicklungsland Mikronährstoffmangel Saatgut Vitamin Weizen Züchtung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Wurmmittel für Weidetiere können die Keimung von Pflanzensamen beeinflussen
27.04.2017 | Universität Trier

nachricht Erstmals Studie zu Hai- und Rochenarten in deutschen Meeren
19.04.2017 | Bundesamt für Naturschutz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie