Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

DFG-Antrag "Agroholding" soeben bewilligt

12.07.2007
"Agroholding im Agrar- und Ernährungssektor in Russland: Entstehungsgründe, Funktionsweise und Entwicklungsperspektiven" lautet der Titel eines neuen Forschungsprojekts, das am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa mit Sitz in Halle (Saale) startet.

Soeben hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) dafür einen Antrag auf rund 350.000 Euro Sachbeihilfen genehmigt. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird gemeinsam mit dem Allrussischen Forschungsinstitut für Agrarökonomie (VNIIESCh = Vserossijskij naucno-issledovatel'skij institut ekonomiki sel'skogo chozjajstvo) in Moskau durchgeführt.

"Hintergrund ist die überraschende Entwicklung in der russischen Agrar- und Ernährungswirtschaft, in der große vertikal und zum Teil auch diagonal integrierte Strukturen entstanden sind, die als Agroholdings bezeichnet werden", erklärt Erstantragsteller, Privatdozent Dr. Heinrich Hockmann. "Derartige Strukturen sind im Agrar- und Ernährungssektor entwickelter westlicher Marktwirtschaften nicht anzutreffen."

Ausgangslage

Diese Ausgangslage werfe die Frage nach den Entstehungsgründen, der Funktionsweise, den Entwicklungsperspektiven und volkswirtschaftlichen Wirkungen solcher Strukturen auf, denn in Russland dominieren nach wie vor die aus den ehemaligen Kolchosen und Sowchosen hervorgegangen Großbetriebe in der Landwirtschaft, erklären Mitantragsteller Prof. Dr. Gertrud Buchenrieder und Prof. Dr. Thomas Glauben. Noch überraschender ist eine Entwicklung, die vereinzelt schon Mitte der 1990er Jahre, verstärkt aber seit der Augustkrise von 1998 im russischen Agrar- und Ernährungssektor zu beobachten ist: Die Entstehung von Unternehmensstrukturen, die mehrere, zum Teil auch alle Stufen der vertikalen Wertschöpfungskette integrieren. Sie erstrecken sich teilweise über ganze Regionen und die von ihnen kontrollierte landwirtschaftliche Nutzfläche beläuft sich mitunter auf einige 10.000 bis zu einer halben Million Hektar. Als Kern dieser integrierten Strukturen, die man im allgemeinen Sprachgebrauch oft als Agroholdings bezeichnet, fungieren jedoch nicht landwirtschaftliche Betriebe, sondern meistens Unternehmen aus dem nachgelagerten Bereich der Verarbeitung und des Handels und zu einem geringeren Teil aus dem vorgelagerten Bereich der Landwirtschaft. Darüber hinaus gibt es integrierte Strukturen, die von finanzstarken Unternehmen aus Branchen der russischen Volkswirtschaft ins Leben gerufen worden waren, die weder direkt noch indirekt mit dem Agrar- und Ernährungssektor verbunden sind. Diese stammen in erster Linie aus dem Energie-, Metallurgie- und Finanzsektor. Aus diesem Grund sind diese neuen Strukturen in der russischen Agrar- und Ernährungswirtschaft nicht immer nur vertikal, sondern zum Teil auch diagonal integriert.

Institutionelle Vielfalt

Hinter den Agroholdings verbirgt sich im Einzelnen jedoch eine recht große Vielfalt institutioneller und organisatorischer Arrangements. Da es keine allgemein akzeptierte Definition und Abgrenzung des Begriffs gibt, ist diese uneinheitliche Terminologie ein Grund dafür, dass es über die Bedeutung der als Agroholding bezeichneten integrierten Strukturen in der russischen Agrar- und Ernährungswirtschaft keine verlässlichen offiziellen Daten gibt.

Laut Schätzungen für das Jahr 2002 sollen Agroholdings zwar nur zwischen zwei und sechs Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Russlands bewirtschaften, aber zwischen zehn und 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion und fast 30 Prozent der in der Landwirtschaft erzielten Gewinne erwirtschaften.

Während in der russischen Agrarökonomie Agroholdings also schon längere Zeit Gegenstand von Arbeiten sind, hat das Phänomen bislang erstaunlicherweise wenig westliche Agrarökonomen beschäftigt. Zwar gibt es in russischen Zeitschriften und Zeitungen immer mehr Berichte über Agroholdings. Auch stellen einige der größeren integrierten Unternehmen zunehmend Informationen ins Internet. Allerdings sind diese meist qualitativen Daten oft lückenhaft. Zudem erfordert ihre Auswertung sehr gute russische Sprach- und Landeskenntnisse.

Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass wegen fehlender quantitativer Daten anspruchsvolle quantitative Analysemethoden nicht angewendet werden können. Das Forschungsprojekt wird durch die Auswertung der verfügbaren russischsprachigen Informationen, mit Fallstudien und durch die Ergänzung eines bestehenden einmaligen Datensatzes über die Produktions- und Kostenstrukturen von Agroholdings und sonstigen landwirtschaftlichen Betrieben im Oblast Belgorod einen wesentlichen Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke leisten.

Als Ergebnis sind zum einen detaillierte Informationen über die Entstehungsgründe und die betrieblichen als auch die regionalen, sektoralen und volkswirtschaftlichen Effekte von Agroholdings in Russland zu erwarten. Zum anderen soll ein wesentlicher Beitrag zur Überprüfung der Erklärungsrelevanz der in der westlichen Wirtschaftstheorie geläufigen Theorien für vertikale und diagonale Integration unter anderen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen erarbeitet werden.

Informationen:
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
Theodor-Lieser-Straße 2
06120 Halle (Saale)
http://www.iamo.de
Ansprechpartner:
PD Dr. Heinrich Hockmann
IAMO-Abteilung Agrarmärkte, Agrarvermarktung und Weltagrarhandel
Tel.: + 49 345 29 28 225
E-Mail: hockmann@iamo.de

Andrea Iffert | idw
Weitere Informationen:
http://www.iamo.de

Weitere Berichte zu: Agroholding Mittel- und Osteuropa

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Kombination von Abwehrgenen schützt Weizen besser gegen Mehltau
22.01.2018 | Universität Zürich

nachricht Bürgerforschungsprojekt SAIN: Urban Farming gemeinsam voranbringen
18.01.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lebensrettende Mikrobläschen

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

3D-Druck von Metallen: Neue Legierung ermöglicht Druck von sicheren Stahl-Produkten

23.01.2018 | Maschinenbau

CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics