Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Exmoorponys und Heckrinder fressen für den Naturschutz

28.08.2000


Modellhaftes Naturschutzprojekt startet

Kreis Northeim/Paderborn/Bonn 28.08.00: Mit dem Auftrieb von zunächst

sechs Heckrindern (mit drei Kälbern) und sieben Exmoorponys in einem Buchen-Eichen-Mischwaldgebiet bei Amelith (Landkreis Northeim/Niedersachsen) im Solling wird heute ein bundesweit bedeutendes, modellhaftes Naturschutzprojekt eröffnet. Das Forschungsvorhaben "Hutelandschaftspflege und Artenschutz mit großen Weidetieren im Naturpark Solling-Vogler" wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) Bonn gefördert und von der Universität Paderborn gemeinsam mit der niedersächsischen Landsforstverwaltung uns dem Naturpark Solling-Vogler durchgeführt.

Im Vorhaben wird in einem 200 ha großen Wald-Offenland-Komplex eine neue Form der Beweidung etabliert. Dabei soll eine bedeutende "Hutelandschaft" mit ihren seltenen Tier- und Pflanzenarten erhalten und weiterentwickelt werden. Das Vorhaben ist zunächst für die Dauer von fünf Jahren finanziell gesichert.

Hutelandschaften, wie die genannte im Bereich des Sollings, waren in Deutschland und in Europa weit verbreitet, müssen heute jedoch als stark gefährdet angesehen werden. Sie sind als Kerngebiete der Landschaftsvielfalt und Schönheit und zugleich als Lebensraum weithin bedrohter Pflanzen- und Tierarten bekannt. Der besondere Wert der Hutelandschaften basiert daher ebenso auf Kriterien des Naturschutzes - des Lebensraum- und Artenschutzes - wie auf einer Jahrhunderte langen Kulturgeschichte.

Exmoorponys und rückgezüchtete Auerochsen - sogenannte Heckrinder -werden zur Pflege und Entwicklung eines ehemaligen Hutewaldes und angrenzender Flächen eingesetzt. Beide Tierrassen zeichnen sich durch besondere Robustheit gegenüber Klima und Nahrung aus und haben wildtierähnliche Eigenschaften. Sie stehen stellvertretend für ursprünglich in Europa heimische Weidetiere. Der Tierbestand soll sich langsam selbst aufbauen, sodass eine kooperative Entwicklung der Weidetiere und der von ihnen genutzten und mitgestalteten Standorte, der Vegetation und der Fauna erreicht wird.

Dieses Projekt zeichnet sich v.a. durch eine behutsame Vorgehensweise aus. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich grundsätzlich von der ursprünglichen Hutewirtschaft - diese belastete die Landschaft alljährlich mit einem einige Wochen oder Monate dauernden Masseneinstand von Vieh, was teilweise mit heftiger Degradation der Landschaft verbunden war. Dessen ungeachtet zeigt dieses Vorhaben, dass auch kulturgeschichtlich mitbegründete Artenvielfalt stets mit jenen Mitteln zu pflegen und zu entwickeln ist, die in der jeweiligen Zeit verankert sind. Dabei gibt es allerdings kein Zurück zur europäischen Artenvielfalt durch ein Zurück zu alten Methoden sondern nur durch ein Vorwärts mit neuen Ansätzen.


Das Vorhaben wurde in jahrelanger Vorarbeit gemeinsam von der Hochschulgruppe der Universität Paderborn und dem von den Kreisen Northeim und Holzminden getragenen Naturpark Solling-Vogler vorbereitet. Dies erfolgte in enger Abstimmung mit allen zuständigen Stellen, hier insbesondere der Forstwirtschaft und dem Naturschutz bei der Bezirksregierung in Braunschweig und der Kreisverwaltung Northeim.

Das Projekt wird auf der Grundlage einer einjährigen Vorstudie vom Bundesamt für Naturschutz (BfN, Bonn) mit erheblichen Finanzmitteln und in enger fachlicher Kooperation gefördert und maßgeblich von den niedersächsischen Ministerien für Landwirtschaft und Umwelt unterstützt. Beträchtliche Eigenleistungen trägt die regionale und lokale Forstwirtschaft sowie die von Naturpark und Universität gebildete Projektgruppe bei.

Für die Bevölkerung wie auch für Solling-Touristen bietet sich in den kommenden Jahren eine besondere Chance: Es gilt, den Werdegang eines Vorhabens zu verfolgen. Zu dessen Zielen zählt es unter anderem, Entwicklungslinien für eine künftige wirtschaftliche Nutzung von Wald- und Grünland in Mittelgebirgsregionen aufzuzeigen. Zu finden ist eine Palette von Nutzungsformen, die auch im Kontext der Europäischen Union land- und forstwirtschaftlich geprägte "Erholungslandschaften" ihre durch Natur und Nutzung bedingte Vielfalt erhält und weiter zu entwickeln gestattet. In diesem Zusammenhang dürfte sich die Region nun einer zunehmenden bundesweiten Betrachtung erfreuen.

Von der Projektgruppe wird ein umfangreiches Maßnahmenpaket zur Öffentlichkeitsarbeit auf den Weg gebracht. Es dient dazu, Bevölkerung und Touristen sachgerecht und anregend mit dem Vorhaben vertraut zu machen und wichtige Ergebnisse zu vermitteln. Uralte Bäume und urtümlich anmutende Tiere sind von jeher Anziehungspunkte, die zum Beobachten einladen. Unter anderem bieten sich hierbei auch zahlreiche Möglichkeiten für Bildungsträger aller Ebenen, vom Kindergarten über Schulen und Universitäten zu privaten Einrichtungen. Zum Angebot gehören fachkundig geführte Wanderungen und Vorträge sowie der Aufbau eines ansprechenden Wege- und Informationsnetzes mit Schau-Tafeln und Modellen. Auch Kutschfahrten durch das Untersuchungsgebiet sind geplant.

Das Wegenetz durch und um das Untersuchungsgebiet wird derzeit neu gestaltet, damit den Solling-Besuchern die Schönheit der Landschaft vermittelt werden kann. Unter anderem wird der bestehende, noch recht bescheidene Hutewald-Lehrpfad beträchtlich erweitert und neu gestaltet werden. Zwei Beobachtungstürme vermitteln den besonderen Blick ins Innere des Gebiets.

Von der Wissenschaft wird das Vorhaben mit großem Interesse und ebenso breiter Akzeptanz begleitet. Seit Jahren werden Gedanken und Erfahrungen verschiedener Fachgruppen aus dem In- und Ausland auf Internationalen Tagungen - zumeist im nahen Luftkurort Neuhaus - abgehalten. So wird im kommenden Januar erneut das internationale Interesse nach Amelith/Bodenfelde ins Reiherbachtal gelenkt werden, wenn gut dreihundert Wissenschaftler und Praktiker aus Naturschutz und Landschaftspflege und den Fachwissenschaften dieses und vergleichbare Projekte erörtern. Im internationalen und nationalen Vergleich zeichnet sich das Vorhaben im Reiherbachtal jedoch durch eine Besonderheit aus: den hohen Waldanteil im Projektgebiet. Es kann somit als ein Modellvorhaben von überregionaler Bedeutung für den Naturschutz angesprochen werden.


Kontakt-Adressen

Projektleitung:
Prof. Dr. B. GERKEN
Universität Paderborn
Abt. Höxter, Lehrgebiet Tierökologie
An der Wilhelmshöhe 44
D - 37671 Höxter
Tel.: 05271/687-236 (Fax: -235)
gerken@moellinger.hx.uni-paderborn.de

Kooperationspartner:
Herr Forstoberinspektor P. MARTENSEN
Geschäftsführer im Naturpark Solling-Vogler
Lindenstraße 6
D - 37603 Holzminden / Neuhaus i. S.
Tel.: 05536/1313 (Fax: -/999799)

Förderer:
Bundesamt für Naturschutz
Konstantinstr. 110
D - 53177 Bonn Bad-Godesberg
Tel.: 0228/8491-0 (Fax: -200)
E-Mail:PBox-Presse@BfN.DE

Franz August Emde |

Weitere Berichte zu: Artenschutz Exmoorponys Heckrinder Naturpark

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Julius Kühn-Institut etabliert Forschungszentrum für landwirtschaftliche Fernerkundung (FLF)
22.03.2017 | Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen

nachricht Im Drohnenflug dem Wasser auf der Spur
03.03.2017 | Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE