Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

NABU präsentiert Studie zur Lobbyverflechtung in der Landwirtschaft

20.11.2001


Der Naturschutzbund NABU hat heute in Berlin eine Studie zur Lobbyverflechtung in der Landwirtschaft vorgestellt. "Die Studie und auch die dazugehörige Personendatenbank offenbaren, welchen Nebenjobs so mancher Bauernvertreter nachgeht und weshalb die Funktionäre dann oftmals gegen die Interessen der eigenen Klientel entscheiden", sagte NABU Bundesgeschäftsführer Gerd Billen. Die vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) für den NABU erstellte Studie "Lobbyverflechtungen in der Landwirtschaft" durchleuchtet beispielhaft anhand der Landwirtschaftskammern sowie der Puten- und Schweinefleischerzeugung die Strukturen im Agrarbereich.

In der mit der Studie verbundenen Datenbank "Bauernfunktionäre und ihre Nebenjobs" würden nach Ansicht des NABU die Verflechtungen von Agrarindustrie, Versicherungs- und Bankenbusiness, Landwirtschaft und Politik exemplarisch aufgezeigt. "Wenn wir die Agrarwende in Deutschland konsequent weiterführen wollen, darf es kein Geheimnis bleiben, in welchen Gremien und Aufsichtsräten von Politik und Wirtschaft Bauernfunktionäre mitreden", so Billen. Die Datenbank umfasst zur Zeit über 5.000 Datensätze mit weit über 1.000 Personen, die in der Landwirtschaft, in landwirtschaftlichen Organisationen, politischen Institutionen, der Agrarindustrie oder Banken und Versicherungen tätig sind. Sie kann im Internet von jedem Bürger eingesehen und benutzt werden.

"Für die Akzeptanz und Umsetzung der Agrarwende ist eine Neugestaltung des landwirtschaftlichen Beratungswesens unumgänglich. Wir brauchen eine klare Trennung von Beratung und Kontrolle", erklärte Billen. Die Landwirtschaftskammern würden zwar überwiegend aus Steuergeldern finanziert, aber in der Regel durch Bauernfunktionäre kontrolliert. Nur wenn es gelänge, die bisherige Blockadehaltung im Beratungswesen für Landwirte und die Einflüsse von innovationshemmenden Vertretern aus Bauernverbänden und Ernährungswirtschaft zurückzudrängen, hätte die Agrarwende eine Chance. Selbst das Bundeskanzleramt hätte in einem Papier vom 23. Januar die Fähigkeit der jetzigen Beratungsstrukturen zur Umsetzung der von Bundesverbraucherschutzministerin Künast betriebenen Neuausrichtung in der Agrarpolitik bezweifelt.

Die deutsche Putenfleischerzeugung befinde sich laut Studie fest in der Hand von agrarindustriellen Unternehmen. "Die fünf führenden Konzerne beherrschen mit einem Marktanteil von 80 % die Erzeugung in Deutschland. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die eine eigenständige Lobbypolitik - wie beispielsweise über den Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft - betreiben", sagte NABU-Agrarexperte Volkhard Wille. Die landwirtschaftlichen Erzeugergemeinschaften hingegen verlören in dieser Situation stetig an Einfluss und Gestaltungsspielraum.

Angesichts dieser Entwicklungen sehe der NABU hier dringenden Handlungsbedarf. "Der bei dieser Art von Tierhaltung notwendige hohe Einsatz von Antibiotika gefährdet die Gesundheit der Verbraucher", so Wille. Die hohe Dichte von Stallanlagen und deren Nähe zu Siedlungen könne durch Emissionen von Krankheitserregern Atemwegserkrankungen auslösen. Der NABU fordere die Politik auf, den Schutz von Bevölkerung und Verbrauchern durch entsprechende Vorschriften zu fixieren. Neben einer strengeren Genehmigungspraxis für Tierhalter und einer klaren räumliche Vorgabe für die Konzentration der Betriebe müsse besonders der Einsatz von Medikamenten beschränkt werden.

Bei der Schweinefleischerzeugung zeichne sich nach Erkenntnissen der Studie ein Konzentrationsprozess auf allen Ebenen ab. "Anstatt eine Entwicklung zu einem besseren Qualitätsmanagement anzustoßen, behindert der alte Filz auch hier eine zukunftsweisende Weichenstellung", so NABU-Geschäftsführer Billen. Die fünf größten Unternehmen verfügten über einen Marktanteil von rund 40 %. Handlungsbedarf bestehe nach Ansicht des NABU in vielen Bereichen, meinte Billen: "Tiergerechte Haltung, Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel, kurze Transportwege -- gegen diese überfälligen Verbesserungen in der Schweinehaltung kämpft die alte Bauernlobby unverdrossen an." Angesichts des hohen Medikamenteneinsatzes im Bereich der Schweinefleischerzeugung habe für den NABU die Einführung eines Qualitätssicherungssystems hohe Priorität.

Die von der Gregor-Louisoder-Stiftung, dem NABU NRW und dem NABU-Bundesverband finanzierte Studie kann bei der NABU-Pressestelle unter 0228-4036-141 angefordert werden.

Dr. Volkhard Wille | ots

Weitere Berichte zu: Agrarwende Lobbyverflechtung Schweinefleischerzeugung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Software-App für optimale Düngergabe
09.11.2017 | Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

nachricht Win-Win-Situation Arznei- und Gewürzpflanzen + Bestäuber-Insekten
06.11.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften