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Perspektiven der Veredlungswirtschaft in den neuen Bundesländern

06.02.2006
Unter der provokanten Frage "Wie viele Schweine braucht das Land?" diskutierten am 26. Januar 2006 über 100 Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) in Halle die Perspektiven der Veredlungswirtschaft in den neuen Bundesländern.

Aktueller Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Kontroverse um laufende Genehmigungsverfahren von Schweinemastanlagen mit mehr als 30.000 Plätzen in Sachsen-Anhalt.

Staatssekretär Dr. Hermann Onko Aeikens vom Agrarministerium des Landes Sachsen-Anhalt begrüßte die Teilnehmer mit dem Fazit "Mehr Schweine braucht das Land". Er begründete die aktuelle Veredlungsinitiative des Landes damit, dass die günstigen Standortvoraussetzungen es erlauben, sowohl mit der Veredlungswirtschaft Arbeitsplätze zu schaffen als auch der großen Abhängigkeit der heimischen Landwirtschaft von EU-Subventionen entgegenzuwirken. Großanlagen würden daher vorbehaltlos begutachtet.

Nach Prof. Hans Wilhelm Windhorst (ISPA, Hochschule Vechta) ist Deutschland zwar eines der größten Erzeugerländer für Schweinefleisch jedoch einer zunehmenden Konkurrenz ausgesetzt. Länder wie die USA, Kanada, China oder Brasilien wiesen in den letzten Jahren enorme Steigerungsraten in der Produktion auf. Charakteristisch für die Produktion in den USA sind vertikal integrierte agrarindustrielle Unternehmen mit geschlossenen Produktionssystemen. Der in den letzten Jahren verlaufende Strukturwandel führte zu Konzentrationsprozessen, so das heute mehr als 50 % der Mastschweine in Betrieben mit über 5.000 Mastplätzen gehalten werden. Die Schweinehaltung in Deutschland hingegen weist deutliche strukturelle Defizite aus, so liegen die durchschnittlichen Bestandgrößen weit unter dem Mittel der wichtigsten Konkurrenten.

Prof. Eberhard von Borell (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) formulierte die These, dass in der Schweinehaltung ein Zielkonflikt zwischen Umwelt- und Tierschutz besteht. Einer der wichtigen Einflussfaktoren von Ammoniakemissionen, ist u.a. die Größe der emittierenden Oberfläche, so dass Teil- und Vollspaltenböden aus Emissionsaspekten weniger zur Belastung der Umwelt beitragen. Er wies ebenfalls darauf hin, dass Tierschutz für jedes Einzeltier gilt und das Tierschutzrecht nicht nach Bestandsgrößen differenziert. Die Tiergesundheit hängt vielmehr von spezifischen Haltungs- und Managementfaktoren ab, die nicht mit der Bestandsgröße in Zusammenhang stehen, entscheidend hierfür ist rein die Betreuungs- und Stallqualität.

Prof. Alfons Balmann (IAMO) zufolge liegen in den neuen Bundesländern wesentliche Hemmschuhe der Veredlungswirtschaft im Management und in der erforderlichen Finanzierung standortangepasster Anlagen. Managementdefizite in den Unternehmen und der Produktion seien dafür verantwortlich, dass selbst bei größeren Unternehmen in der Ferkelerzeugung Gewinnunterschiede in einer Größenordnung von fast 400 € je Sau und Jahr bestehen und in der Schweinemast von über 20 € je erzeugtes Mastschwein. Der erforderliche Finanzbedarf von mindestens einer Million € für eine Anlage ab etwa 3.000 Mastplätzen oder 500 Sauen könne in den neuen Bundesländern aufgrund des geringen Eigenkapitals und der laufenden Bodenkäufe nur von den wenigsten Unternehmen aufgebracht werden. Dringend erforderlich seien daher, neben genügend ausgebildeten motivierten Fachkräften, externe Investoren oder im Rahmen vertikaler Integration entwickelte neue Finanzierungskonzepte.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Thematik mit Vertretern aus den Bereichen der Landwirtschaft, des Tier- und Umweltschutzes, der Investoren und der Fleisch verarbeitenden Industrie und den ca. 100 Teilnehmern kontrovers diskutiert. Neben Bedenken von Seiten des BUND und ABL bezüglich des Umwelt- und Tierschutzes sowie agrarstrukturellen Folgen von Großanlagen, wurden auch Fragen wie Marktsegmentierung und verändertes Verbraucherverhalten diskutiert. Das dieses Thema weiterer intensiver Diskussion bedarf, zeigt sich bei der Beantwortung der eingangs gestellten Frage, die von "mehr Schweine" bis hin zu "kein weiteres industriell erzeugtes Schwein" reichte.

Kirsti Dautzenberg | idw
Weitere Informationen:
http://www.iamo.de/

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