Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Knabbern für die Wissenschaft

31.01.2006
Bakteriologen der Universtität Leipzig wiesen nach, dass Müsliriegel mit Topinambur die Darmflora fit halten

Topinambur - eine indianische Kulturpflanze
Topinambur (Helianthus tuberosis) ist eine ursprünglich indianische Kulturpflanze, deren Knollen und Saftkonzentrate zunehmend in der Lebensmittelindustrie, insbesondere auch bei der Backwarenherstellung verwendet werden. Wissenschaftler des Instituts für Bakteriologie und Mykologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig untersuchten jetzt, inwieweit mit Topinambur angereicherte Müsliriegel die Darmflora gesund erhalten.

Wichtiger Bestandteil von Topinambur: Inulin

Der medizinisch interessanteste Bestandteil der Trockenmasse von Topinambur ist das Kohlenhydrat Inulin, nicht mit dem Hormon Insulin zu verwechseln. Inulin ist ein Gemisch verschiedener Fructoseketten (also von Fruchtzuckern) mit Kettenlängen bis zu 60 Zuckereinheiten, die durch ihren besonderen Aufbau im oberen Teil des Verdauungstraktes nahezu unantastbar sind. Im unteren Teil allerdings, also von den Bakterien des Dickdarmes, kann das bis dahin unverdaute Inulin vollständig zu kurzkettigen Fettsäuren (und Gasen) fermentiert werden, beispielsweise von den dort heimischen "Milchsäurebakterien" wie Bifidobakterien und Laktobazillen. Dieser finale Verdauungsakt ist gesundheitsfördernd, denn durch den Stoffwechsel einer intakten Darmflora wird deren pH-Wert gesenkt. Das bietet schädigenden Bakterien schlechtere Lebensbedingungen. Unverdauliche, im Dickdarm fermentierbare Zucker scheinen auch die Aufnahme von Mineralstoffen wie Kalzium, Magnesium und Eisen zu steigern. Dies beugt besonders Osteoporose vor. Neben Topinambur sind auch andere Pflanzen Lieferant von Inulin; Zwiebel, Weizen und Spargel zum Beispiel. Um es Lebensmitteln zuzusetzen, wird es bisher hauptsächlich aus der Zichorie (Chicoree) gewonnen.

Künftige Tierärzte als Testesser

Dies war schon bekannt, bevor die Leipziger Wissenschaftler ihre Studie zum "Einfluss von Inulin in kommerziell erhältlichen Backprodukten auf die Stuhl-Mikrobiota von gesunden Freiwilligen" begannen. "Bei unserer Studie ging es also nicht mehr darum, die generelle Wirksamkeit von Inulin zu belegen", erläutert Prof. Dr. Monika Krüger, die das Institut für Bakteriologie und Mykologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität leitet. "Unsere Arbeit sollte die Frage beantworten, welche biologische Wirkung Topinambur, das neben Inulin auch wertvolle Mineralstoffe und Vitamine enthält, nach einem Backprozess noch aufweist. Auftraggeber dieser Studie war das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, an das die Dresdener Firma Dr. Quendt Backwaren GmbH herangetreten war. Dieser mittelständische Betrieb stellt nämlich Müsliriegel her, die Topinambur enthalten, und wollte die Wirksamkeit dieses präbiotischen Nahrungsmittelzusatzes beweisen lassen."

Schweine im Dienste der Wissenschaft

Doch noch wurde von den 45 künftigen Tierärzten, die sich zum Testessen bereit erklärt hatten, kein Riegel verspeist. Alles begann im Labor, wo das Wirken von Topinambur-Inulin zunächst im Kulturröhrchen mit einer künstlich erzeugten Darmflora geprüft und mit dem von Inulin anderer Herkunft verglichen wurde. Dann traten erst einmal halbwüchsige Schweine in den Dienst der Wissenschaft. In der Phase, da sie von Muttermilch auf anderes Futter umgestellt wurden und ihre Darmflora ohnehin unter Stress stand, bekamen einige von ihnen Topinambur ins Futter, andere nicht. Wie zu erwarten, spielte sich bei den Topinambur-Konsumenten die neue Darmflora schneller ein. Aber nicht nur die im Labor untersuchten Kotproben zeugten von der positiven Wirkung des Topinambur. Die durch den zusätzlichen Stoff privilegierten Borstentiere machten laut Verterinärmedizinern generell einen besseren Eindruck und gewannen schneller an Statur.

Ergebnis: Inulin sorgt für Vermehrung nützlicher Bakterien im Dickdarm

"Zur dritten Etappe des Versuchs traten also besagte 45 Studenten an", erläutert die für die Studie verantwortliche Mikrobiologin Dr. Brigitta Kleeßen. "Nachdem die Testpersonen einige Tage möglichst keine inulin-haltigen Lebensmittel gegessen hatten, gaben sie ihre Ausgangs-Stuhlprobe ab. Es folgte eine Woche, in der sie nur einen Riegel pro Tag knabberten, dann zwei Wochen mit je zwei Riegeln. Mehrmalige Stuhlproben wurden abgeliefert und Fragebögen zur Verdauung beziehungsweise zu Befindlichkeiten ausgefüllt. Allerdings waren für eine der drei 15köpfigen Gruppen in Dresden spezielle Placebo-Riegel ohne Inulinquellen gebacken worden. Während der ersten Vorstellung der Studienergebnisse Anfang Februar werden wir die Probanten ins Bild setzen, ob und wie sich das Innenleben ihres Darmes während der drei Testwochen veränderte. Belegt ist auf jeden Fall: Bei den beiden Gruppen mit Inulin in den Riegeln, vermehrte sich die Anzahl der nützlichen Bakterien im Dickdarm nachweisbar."

Das dürfte die Produktentwickler bei Dr. Quendt in Dresden ebenso freuen, wie den in Brandenburg beheimateten Topinambur-Lieferanten. "Ich sehe in diesem Ergebnis auch eine Ermutigung für einheimische Bauern, über diese Nische nachzudenken", ergänzt Prof. Krüger. Inwieweit die Nutzung von Topinambur über die menschliche Ernährung hinaus auch für das Tierfutter Standart werden wird, ist angesichts der vergleichsweise hohen Preise noch nicht genau zu sagen. "Möglicherweise wird es nicht für die Tierproduktion interessant, aber für die Therapie kostbarer Zoo- und Heimtiere", so Prof. Krüger. "Nutztiere würden dann dennoch profitieren, indem im Prozess der Verarbeitung von Topinambur der Trester, also die groben Bestandteile der Pflanzen, für sie übrig bleibt." Marlis Heinz

weitere Informationen:
Prof. Dr. Monika Krüger
Telefon: 0341 97-38 1 81
E-Mail: mkrueger@vmf.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.vmf.uni-leipzig.de/ik/wbakteriologie/

Weitere Berichte zu: Bakterien Darmflora Dickdarm Inulin Müsliriegel Topinambur

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Software-App für optimale Düngergabe
09.11.2017 | Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

nachricht Win-Win-Situation Arznei- und Gewürzpflanzen + Bestäuber-Insekten
06.11.2017 | Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften