Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bedarf oder Nachfrage? Nachhaltige Proteinversorgung – ein weltweit unterschätztes Problem

09.12.2013
Im Rahmen eines interdisziplinären Symposiums des Leibniz-Forschungsverbunds „Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung“ am 06. Dezember 2013 in Berlin diskutierten führende WissenschaftlerInnen aus ganz Deutschland drängende Fragen hinsichtlich einer ausreichenden Proteinversorgung für die wachsende Weltbevölkerung und künftige Forschungsansätze – von der molekularen Ebene bis zur systemübergreifenden ökonomischen Analyse. Mit dem Forschungsverbund gelingt erstmals die Verknüpfung von Forschungsthemen der Agrar- und Umweltwissenschaften, der Ökonomie und Sozialwissenschaften mit denen der ernährungsmedizinischen Forschung.

Ernährungssicherung ist eine der großen globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - insbesondere im Hinblick auf eine ausreichende und ausgewogene Proteinversorgung. Studien zur Prognose des globalen Ernährungsbedarfs basieren meist auf dem Energiebedarf.

Mit steigendem Einkommen wird dieser aber zunehmend aus proteinreicher Kost gedeckt. Die Nachfrage nach Fleisch steigt mit dem Wachstum der Weltbevölkerung – verbunden mit Folgen für Produktion, Umwelt, Klima und Weltmärkte. Bereits heute ist innerhalb der EU, wo im Vergleich zu asiatischen Schwellenländern deutlich mehr Lebensmittel tierischen Ursprungs erzeugt und verzehrt werden, eine Eiweißlücke im Futtermittelbereich zu verzeichnen.

Rund 38 Mio. Tonnen Sojabohnen und –extraktionsschrot werden jährlich als eiweißreiches Kraftfutter importiert. Wie können wir der prognostizierten Proteinlücke begegnen? Mit Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchten - oder Fliegenmaden?

Prof. Dr. Reiner Brunsch, Sprecher des Forschungsverbundes, unterstrich die Komplexität der Aufgabe: „Wir sehen uns einem Zielkonflikt gegenüber. Einerseits gilt es, die Produktivität der tierischen Erzeugung zu erhöhen, andererseits Ziele wie Ressourcenschonung, Klimaschutz, Tierschutz und artgerechte Haltung nicht zu vernachlässigen. Angesichts eines deutlich höheren Landverbrauchs für die Produktion tierischen Proteins und der beachtlichen Mengen von Treibhausgasen, die entlang der Wertschöpfungskette Fleisch emittiert werden – unter anderem auch durch Landnutzungsänderungen - stellt sich die Frage, wie wir den weltweiten Proteinbedarf künftig decken können,“ so Brunsch.

„Alternative Proteinquellen wie Leguminosen oder essbare Insekten bieten da interessante, noch weitgehend unerforschte Möglichkeiten.“

In diesem Zusammenhang diskutierten die Experten die Notwendigkeit, die Erträge pflanzlicher Produkte hinsichtlich Proteingehalt und –zusammensetzung mit züchterischen Maßnahmen weiter zu verbessern und innovative ressourceneffiziente Produktionsverfahren zu entwickeln, wie die kombinierte Erzeugung von Gemüse und Fischen in einem weitgehend geschlossenen System – wobei Insekten und Mikroalgen als Fischfutter und Abwärme aus der Biogaserzeugung genutzt werden könnten.

Eine zweite Herausforderung besteht darin, eine gesunde Ernährung zu gewährleisten. Neben der Entwicklung einer ressourcenschonenden und klimaverträglichen Proteinerzeugung stand daher auch die gesundheitliche Wirkung von Proteinen im Fokus des Symposiums. Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) und stellvertretender Sprecher des Forschungsverbundes beschrieb die Wirkungen einer proteinreichen Kost auf den menschlichen Organismus.

Je nachdem, welche Lebensmittel der Speiseplan enthalte, könne eine proteinangereicherte Diät positive diätetische Effekte haben, aber auch unerwünschte Wirkungen zeigen, so Joost. Proteine können Unverträglichkeiten und Allergien auslösen, der Genuss von insbesondere rotem Fleisch, also Rind, Schaf oder Schwein, das Risiko erhöhen, an Darmkrebs oder auch Typ-2-Diabetes zu erkranken. „In vielen Fällen kennen wir zwar den Zusammenhang, wissen aber noch zu wenig über die Wirkmechanismen,“ beschrieb Joost den Forschungsbedarf aus Sicht der Er-nährungsforschung.

Insgesamt konstatierten die Forscher, dass verlässliche Interventionsstudien fehlten. Auch zur gesundheitlichen Wirkung alternativer Proteinquellen wie Leguminosen oder essbaren Insekten besteht Forschungsbedarf. Darüberhinaus gilt es vor allem, Ernährungsmuster und Konsumverhalten ursächlich aufzuklären – ein aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend unbeforschtes Terrain.

Als Ergebnis des Treffens wurden erste konkrete Schritte einer künftigen Forschungszusammenarbeit beschlossen. Die Verbund-Partner werden ihre spezifischen Fachkompetenzen in einem interdisziplinären Ansatz neuartig miteinander verknüpfen und Wertschöpfungsketten untersuchen, die eine klimafreundliche und ressourceneffiziente Proteinproduktion in einem weitestgehend geschlossenen Stoffkreislauf ermöglichen sollen.

Der Leibniz-Forschungsverbund „Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung“ – kurz „Lebensmittel und Ernährung“ - bündelt die Kompetenzen von 15 Leibniz-Einrichtungen mit dem Ziel, zukünftige Fragestellungen in den Bereichen Lebensmittelproduktion und Ernährung zu identifizieren und langfristig durch gemeinsame Forschung mit weiteren Partnern aus Forschungseinrichtungen, Hochschulen und der Wirtschaft zu lösen.

Der Verbund versteht sich als disziplinübergreifende Forschungsstruktur. Er verkörpert natur-, medizin- ingenieur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Kompetenzen und Erfahrungen in der wissenschaftlichen Politikberatung. Darüber hinaus besitzen die Mitglieder Kompetenzen in allen relevanten Skalenebenen — von den kleinsten biologischen Struktureinheiten über Nutzorganismus-Umwelt-Beziehungen bis hin zu volks- und globalwirtschaftlichen Betrachtungen oder in der Bewertung von Verbraucherverhalten.

Der Forschungsverbund sieht in der Erarbeitung systemwissenschaftlicher Grundlagen ein wesentliches Ziel, um der interdisziplinären Herausforderung „nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung“ in ihrer Komplexität auf allen Systemebenen gerecht zu werden und der Gesellschaft wissenschaftlich begründete, systemisch geprüfte Handlungsempfehlungen geben zu können.

Partner im Verbund:
Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA), Freising
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Halle
Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), Müncheberg
Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB)
Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ), Großbeeren, Erfurt
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN), Dummerstorf
Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), Halle
Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), Gatersleben
Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP), Greifswald
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT), Bremen
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Kontakt:
Prof. Dr. Reiner Brunsch - Sprecher des Leibniz-Forschungsverbunds Lebensmittel und Ernährung
Tel.: 0331 5699-100; E-Mail: rbrunsch@atb-potsdam.de
Dr. Birgit Rumpold – Leibniz-Forschungsverbund Lebensmittel und Ernährung
Tel.: 0331 5699-627; E-Mail: brumpold@atb-potsdam.de
Helene Foltan – Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 0331 5699-820; E-Mail: hfoltan@atb-potsdam.de
Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim e.V. (ATB)
Max-Eyth-Allee 100, 14469 Potsdam

Helene Foltan | idw
Weitere Informationen:
http://www.leibniz-gemeinschaft.de/forschung/leibniz-forschungsverbuende/lebensmittelproduktion-und-ernaehrung/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Agrar- Forstwissenschaften:

nachricht Rinderhaltung: Europäische Agrarwissenschaftler betreten Neuland in der Forschungskooperation
16.02.2018 | Leibniz-Institut für Nutzierbiologie (FBN)

nachricht Entwaldung in den Tropen
15.02.2018 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Agrar- Forstwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

Von Bitcoins bis zur Genomchirurgie

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Zukunft wird gedruckt

19.02.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer HHI präsentiert neueste VR- und 5G-Technologien auf dem Mobile World Congress

19.02.2018 | Messenachrichten

Stabile Gashydrate lösen Hangrutschung aus

19.02.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics