Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Innovatives Textil verbessert Lebensqualität für Bettlägerige

16.11.2012
Für immobile Patientinnen und Patienten sind Druckgeschwüre auf der Haut eine ständige Bedrohung. Ein von der Empa und der Firma Schöller Medical zusammen mit dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum entwickeltes Bettlaken verringert die Reibung und fördert das Wohlbefinden der Personen.

Die Haut ist der Alleskönner unter den Organen: Sie schützt den Körper vor Umwelteinflüssen, leistet einen Beitrag zur Immunabwehr und unterstützt Stoffwechselfunktionen wie die Atmung. Die Haut ist immer in Aktion.


Mikroskopische 3D-Aufnahme der neuartigen Bettwäsche mit Punktrasteroberfläche. Die spezielle Textilstruktur bietet eine geringere Kontaktfläche mit der Haut und vermag dank mikroskopischer Leerräume zwischen den Rasterpunkten Feuchtigkeit aufzunehmen.


REM-Aufnahme der neuartigen Bettwäsche

Was ihr nicht bekommt, ist Immobilität. Bewegt sich ein Patient nicht, verursachen ansteigende Feuchtigkeit sowie Druck- und Scherkräfte Durchblutungsstörungen im Gewebe. Als Folge steigt der Anteil toxischer Substanzen, und es kommt zu Geschwüren, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein können. Betroffen sind vor allem zwei Gruppen: ältere und querschnittgelähmte Menschen. Bei ihnen beträgt das Risiko, im Verlauf eines Klinikaufenthaltes an einem «Dekubitus» zu erkranken, trotz aller Fortschritte in der Pflege bis zu 50 Prozent. Und gar vier von fünf Querschnittgelähmten entwickeln mindestens einmal in ihrem Leben ein Druckgeschwür.

Die Medizinaltechnik hat das Problem erkannt: Es gibt unzählige Ansätze und Ideen, die Lebensqualität von Dekubitusgefährdeten zu erhöhen. Doch die einen funktionieren (noch) nicht gut genug, andere – wie zum Beispiel Matratzen mit wechselnden Druckverhältnissen – sind immer noch sehr teuer.

Neuartiges Bettlaken bringt Linderung

Anke Scheel, Oberärztin am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) im luzernischen Nottwil, zögerte daher nicht, als ihr die Empa die Mitarbeit an einem Projekt vorschlug, das auf die Entwicklung einer neuartigen Bettwäsche hinauslief. «Es war gerade der scheinbar simple Ansatz, der mich für die Sache einnahm», erinnert sich Scheel. Geleitet wird das Projekt von Empa-Forscher Siegfried Derler in der Abteilung «Schutz und Physiologie». Der Physiker widmet sich schon seit Jahren dem Thema Haut und Reibung und arbeitet an der Entwicklung von hautfreundlichen Materialen und Oberflächen.

Mit dem medizinischen Phänomen Druckgeschwür befasst er sich seit 2006. Damals lancierte er zusammen mit der Schöller-Gruppe – einem international führenden Anbieter von technischen Textilien – ein erstes von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) gefördertes Projekt zur textilen Dekubitusprävention. Die Resultate waren viel versprechend, weshalb die Partner drei Jahre später nachlegten und auch das SPZ ins Boot holten.

Weniger Berührungspunkte dank spezieller Textilstruktur

«Wir evaluierten marktgängige Kunstfasern», erklärt Derler, «und entwickelten einen Stoff mit einer Art Punktrasteroberfläche.» Diese spezielle Textilstruktur hat zwei Vorteile: Erstens entstehen weniger Berührungspunkte und eine geringere Kontaktfläche mit der Haut und zweitens können die mikroskopischen Leerräume zwischen den Rasterpunkten Feuchtigkeit aufnehmen.
Was folgte, war ein spannender Pingpong-Prozess zwischen den Labors der Empa und der F+E-Abteilung von Schöller im St. Gallischen Sevelen. Der Industriepartner optimierte seine Webtechniken und das Team von Siegfried Derler testete die neuen Muster an seinen ausgeklügelten Hautmodellen.

Ende 2009 war es dann soweit: Die Laborresultate erlaubten den Schritt ins Spitalbett. Als Testgruppe stellten sich 20 Querschnittgelähmte am Ende ihrer Erstrehabilitation am SPZ in Nottwil zur Verfügung, deren Haut durch die Invalidität zwar bereits verändert, aber noch nicht über Jahre geschädigt war.

Verbesserte Blutzirkulation und mehr Komfort

Während rund anderthalb Jahren kontrollierten die Fachleute der Empa und das medizinische Personal in Nottwil regelmässig die Durchblutung sowie die Rötung, Elastizität und Feuchtigkeit der betroffenen Hautpartien. Das subjektive Befinden der Testpersonen wurde per Fragebogen erhoben. Die Ergebnisse waren mehr als erfreulich: sie schwitzten weniger, ihre Hautdurchblutung verbesserte sich und sie fühlten sich deutlich wohler als auf herkömmlichen Laken.

«Wir haben gezeigt, dass unser Ansatz der textilen Dekubitusprävention funktioniert», freut sich Hans-Jürgen Hübner, Chef von Schöller Medical. Er lässt das neue Betttuch zurzeit am Firmenhauptsitz in Sevelen harten Tests unterziehen, die zeigen sollen, wie es sich nach mehrmaliger Nutzung und Reinigung verhält. Im kommenden Frühjahr will Schöller Medical die Innovation dann auf den Markt bringen. «Wir sind daran, ein internationales Vertriebssystem aufzubauen», sagt Hübner. Einen potenziellen Kunden kennt er schon: Das SPZ ist aufgrund der ersten positiven Resultate daran interessiert, die neuen Betttücher breiter im Alltag einzusetzen. «Ausserdem», so Oberärztin Anke Scheel, «wären einige unserer Patienten daran interessiert, dass Betttuch auch zuhause zu nutzen.»

Autor: Jost Dubacher

Rémy Nideröst | EMPA
Weitere Informationen:
http://www.empa.ch
http://www.empa.ch/plugin/template/empa/3/125693/---/l=1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Natürliche Perlmuttstruktur, künstlich hergestellt
19.08.2016 | Universität Konstanz

nachricht Nanopelz gegen die Ölpest
18.08.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neues DFKI-Projekt SELFIE schlägt innovativen Weg in der Verifikation cyber-physischer Systeme ein

Vor der Markteinführung müssen neue Computersysteme auf ihre Korrektheit überprüft werden. Jedoch ist eine vollständige Verifikation aufgrund der Komplexität heutiger Rechner aus Zeitgründen oft nicht möglich. Im nun gestarteten Projekt SELFIE verfolgt der Forschungsbereich Cyber-Physical Systems des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) unter Leitung von Prof. Dr. Rolf Drechsler einen grundlegend neuen Ansatz, der es Systemen ermöglicht, sich nach der Produktion und Auslieferung selbst zu verifizieren. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das Vorhaben über drei Jahre mit einer Fördersumme von 1,4 Millionen Euro.

In den letzten Jahrzehnten wurden enorme Fortschritte in der Computertechnik erzielt. Ergebnis dieser Entwicklung sind eingebettete und cyber-physische...

Im Focus: „Künstliches Atom“ in Graphen-Schicht

Elektronen offenbaren ihre Quanteneigenschaften, wenn man sie in engen Bereichen gefangen hält. Ein Forschungsteam mit TU Wien-Beteiligung baut Elektronen-Gefängnisse in Graphen.

Wenn man Elektronen in einem engen Gefängnis einsperrt, dann benehmen sie sich ganz anders als im freien Raum. Ähnlich wie die Elektronen in einem Atom können...

Im Focus: X-ray optics on a chip

Waveguides are widely used for filtering, confining, guiding, coupling or splitting beams of visible light. However, creating waveguides that could do the same for X-rays has posed tremendous challenges in fabrication, so they are still only in an early stage of development.

In the latest issue of Acta Crystallographica Section A: Foundations and Advances , Sarah Hoffmann-Urlaub and Tim Salditt report the fabrication and testing of...

Im Focus: Quanten-Jonglieren mit freien Elektronen

Göttinger Wissenschaftler manipulieren Quantenzustand freier Elektronen mit Lichtfeldern

In der klassischen Physik kann ein Elektron nur eine einzige, bestimmte Geschwindigkeit annehmen. Quantenmechanisch ist es jedoch möglich, dass es sich in...

Im Focus: Nanopelz gegen die Ölpest

Einige Schwimmfarne können in kurzer Zeit große Mengen Öl aufnehmen, denn ihre Blätter sind zugleich stark wasserabstoßend und in hohem Maße ölabsorbierend. Eine Forschergruppe des KIT hat gemeinsam mit Kollegen der Universität Bonn herausgefunden, dass die Wasserpflanze die ölbindende Eigenschaft der haarähnlichen Mikrostruktur ihrer Blattoberfläche verdankt. Sie dient nun als Vorbild, um das Material Nanofur weiterzuentwickeln, das Ölverschmutzungen umweltfreundlich beseitigen soll. (DOI: 10.1088/1748-3190/11/5/056003)

Beschädigte Pipelines, Tankerhavarien und Unfälle auf Förderplattformen können Wasserflächen mit Roh- oder Mineralöl verschmutzen. Herkömmliche Verfahren zum...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

HTW Berlin richtet im September die 30. EnviroInfo aus

23.08.2016 | Veranstaltungen

micro photonics mit Kurs auf Premiere in Berlin

22.08.2016 | Veranstaltungen

„BirdNumbers 2016“ - 300 Ornithologen kommen zu internationaler Tagung an die Uni Halle

22.08.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Kristallen regenerativ Wasserstoff erzeugen

23.08.2016 | Energie und Elektrotechnik

Signalübertragung zielgenau steuern: Neue Erkenntnisse für künftige Therapieansätze

23.08.2016 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index: Anstieg des Welthandels setzt sich fort

23.08.2016 | Wirtschaft Finanzen