Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinderleicht: Gerechtes Teilen nach gemeinsamer Anstrengung

21.07.2011
Schon Dreijährige geben einem anderen Kind Spielzeug ab, wenn beide es sich zusammen verdient haben

Kinder im Alter von gerade einmal drei Jahren teilen ihre Spielzeugbelohnungen bereitwillig mit einem anderen Kind – aber nur, wenn beide diese zuvor im Rahmen einer gemeinsamen Aktivität verdient haben.

Ein internationales Forscherteam um Katharina Hamann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig fand nun heraus, dass es sich um ein rein kollaboratives Phänomen handelt, wenn so junge Kinder miteinander teilen: Wenn Kinder nicht aufgrund kooperativer Handlungen, sondern ohne ersichtlichen Grund oder für eine selbständig gelöste Aufgabe belohnt wurden, behielten sie den Großteil der Belohnung für sich. Bei Schimpansen, den nächsten Verwandten des Menschen, gibt es hingegen keine Verbindung zwischen dem Teilen von Beute und gemeinsamen Anstrengungen. (Nature, 20. Juli 2011)

Erwachsene Menschen produzieren die Mehrzahl ihrer Güter mittels kooperativer Arbeit. In der Regel verteilen sie diese Güter dann basierend auf sozialen Normen wie Fairness und Verteilungsgerechtigkeit. In Hinblick auf Kinder zeigten frühere Studien jedoch: Wenn Erwachsene einem Kind ohne ersichtlichen Grund eine Belohnung zukommen lassen und es anschließend bitten, diese mit einem anderen Kind zu teilen, verhalten sich dreijährige Kinder relativ egoistisch.

Die aktuelle Studie von Katharina Hamann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihren KollegInnen zeigt, dass bereits Dreijährige wissen, ob sie sich eine Belohnung durch eine gemeinsam bewältigte Aufgabe verdient haben oder nicht. Abhängig davon teilen sie die Belohnung mehr oder weniger gerecht.

Um dies herauszufinden, bedienten sich die Wissenschaftler einer Studienanordnung, bei der jeweils zwei Kinder gemeinsam Murmeln gewinnen konnten. Im ersten Teil der Studie mussten die 2- bzw. 3-Jährigen gleichzeitig an den Enden eines Seils ziehen, um ein Brett mit Murmeln zu sich heranzuziehen. Anschließend konnten sie die Murmeln an sich nehmen; ein Kind erhielt drei Murmeln, das andere nur eine. In einer anschließenden Kontrollstudie erhielten beide Kinder auch ohne das gemeinsame Ziehen am Seil die Belohnung von drei bzw. einer Murmel.

Im zweiten und dritten Teil der Studie wurden folgende drei Szenarien durchgespielt:

1. Die Kinder lösten eine Aufgabe gemeinsam.
2. Sie erhielten ohne ersichtlichen Grund eine Belohnung.
3. Sie lösten die Aufgabe parallel zueinander – ohne einander zu helfen.
Bei diesem Szenario war der Arbeitsaufwand bei beiden Kindern gleich groß und vergleichbar mit dem Arbeitspensum im Szenario, in dem beide Kinder zusammenarbeiten. Nun konnte jedoch jedes Kind unabhängig von dem anderen an dem Seil ziehen.

In allen drei Studien teilten dreijährige (und teilweise auch zweijährige) Kinder ihre Murmeln nur dann mit dem anderen Kind, wenn eine Aufgabe gemeinsam erledigt wurde und nicht, wenn sie die Belohnung für eine selbständig ausgeführte Arbeit oder ohne ersichtlichen Grund erhalten hatten. „Die aus ontogenetischer Sicht erste kindliche Vorstellung der Bedeutung von Verteilungsgerechtigkeit bildet sich möglicherweise in kollaborativen Situationen heraus, wenn eine gerechte Aufteilung des Gewinns durch die gemeinsame Anstrengung nahegelegt wird“, sagt Katharina Hamann.

Schimpansen hingegen teilen nach gemeinsam verrichteter Arbeit nicht häufiger mit anderen Artgenossen, als wenn ihnen die Beute ohne Arbeit zufällt. Auch im Freiland kooperieren Schimpansen bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln nur selten aktiv miteinander. Aus diesem Grund haben sie möglicherweise keinen Hang dazu entwickelt, Ressourcen dann gerechter aufzuteilen, wenn diese in Zusammenarbeit mit anderen Gruppenmitgliedern erlangt wurden.

„Dieser Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen zeigt, dass das gerechte Verteilen von Ressourcen beim Menschen seinen evolutionären Ursprung im Teilen gemeinsam erlegter Beute haben könnte“, so Hamann.

Originalpublikation:

Katharina Hamann, Felix Warneken, Julia R. Greenberg & Michael Tomasello
Collaboration encourages equal sharing in children but not chimpanzees
Nature, 20. Juli 201, doi: 10.1038/nature10278
Ansprechpartner:
Katharina Hamann
Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-442
Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-122
Fax: +49 341 3550-119
E-Mail: jacob@eva.mpg.de
E-Mail: khamann@eva.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/232396/humanevolution
http://www.mpg.de/1185655/Evolution_des_Lernes

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Große Mehrheit sagt: Arbeitnehmer sollten so viel Einfluss haben wie Arbeitgeber
18.04.2016 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Wenn Hirne zueinander passen: Erfolgreiche Kommunikation führt zu interpersoneller Attraktion
11.04.2016 | Universität zu Lübeck

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Virtuelle Realität: 3D Human Body Reconstruction des Fraunhofer HHI digitalisiert Menschen

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, HHI haben eine Methode entwickelt, mit der das realistische Abbild eines Menschen in eine virtuelle Welt übertragen werden kann. Die „3D Human Body Reconstruction“-Technologie nimmt reale Personen mit mehreren Kameras gleichzeitig auf und erstellt daraus sich natürlich bewegende, dynamische 3D-Modelle. Vorgestellt wird diese Technologie Anfang September auf der diesjährigen IFA in Berlin (Halle 11.1, Stand 3) sowie der IBC in Amsterdam (Halle 8, Stand B80).

Fraunhofer HHI-Forscher haben ein Kamerasystem entwickelt, mit dem sie Personen für den perfekten dreidimensionalen Eindruck filmen. Kern dieses Systems ist...

Im Focus: Virtual Reality: 3D Human Body Reconstruction from Fraunhofer HHI digitizes Human Beings

Scientists at the Fraunhofer Institute for Telecommunications, Heinrich Hertz Institute, HHI have developed a method by which the realistic image of a person can be transmitted into a virtual world. The 3D Human Body Reconstruction Technology captures real persons with multiple cameras at the same time and creates naturally moving dynamic 3D models. At this year’s trade fairs IFA in Berlin (Hall 11.1, Booth 3) and IBC in Amsterdam (Hall 8, Booth B80) Fraunhofer HHI will show this new technology.

Fraunhofer HHI researchers have developed a camera system that films people with a perfect three-dimensional impression. The core of this system is a stereo...

Im Focus: Meteoriteneinschlag im Nano-Format

Mit energiereichen Ionen lassen sich erstaunliche Nanostrukturen auf Kristalloberflächen erzeugen. Experimente und Berechnungen der TU Wien können diese Effekte nun erklären.

Ein Meteorit, der in flachem Winkel auf die Erde trifft, kann gewaltige Verwüstungen anrichten: Er schrammt über die Erdoberfläche und legt oft eine lange...

Im Focus: Flexibel statt starr

Gezielter und effizienter Transport zellulärer Frachten durch physikalischen Mechanismus

Damit Zellen richtig funktionieren können, müssen Frachten innerhalb der Zelle ständig von einem Ort zum anderen transportiert werden, wobei es ähnlich zugeht...

Im Focus: Elektronen am Tempolimit

Elektronische Bauteile werden seit Jahren immer schneller und machen damit leistungsfähige Computer und andere Technologien möglich. Wie schnell sich Elektronen mit elektrischen Feldern letztendlich kontrollieren lassen, haben jetzt Forscher an der ETH Zürich untersucht. Ihre Erkenntnisse sind wichtig für die Petahertz-Elektronik der Zukunft.

Geschwindigkeit mag keine Hexerei sein, doch sie ist die Grundlage für Technologien, die nicht selten wie Magie anmuten. Moderne Computer etwa sind so...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Chemie mit Licht betreiben - Internationale Tagung der Photochemiker in Jena

31.08.2016 | Veranstaltungen

Premiere: „World Sepsis Congress“ mit über 7.000 Teilnehmern

31.08.2016 | Veranstaltungen

„Electronics Goes Green“ – die weltweit größte Fachtagung zu Nachhaltigkeit in der Elektronik

30.08.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neues Verfahren revolutioniert die Hornhauttransplantation

31.08.2016 | Medizin Gesundheit

Textil fürs Fahrrad

31.08.2016 | Maschinenbau

Internationale Funkausstellung IFA 2016: neuartiges Alarmsystem für Schwerhörige und Gehörlose

31.08.2016 | Messenachrichten